Alle Künste älter

Seit Sommer 2012 muss die Geschichte der Eiszeitkunst korrigiert werden: Skulptur, Malerei und Musik sind Jahrtausende älter als bisher angenommen. Die Schwäbische Alb gilt mehr denn je als Kernregion frühester Kunsterfindung.

 

„Älteste Kunst noch älter“: Unter dieser Überschrift informierte die Universität Tübingen am 24.Mai über eine Sensation aus der Welt der Forschung. Wissenschaftler der Universität Oxford hatten Fundstücke aus der Höhle Geißenklösterle bei Blaubeuren neu untersucht. Ein verfeinertes Messverfahren (sog. Radio-Karbon-Datierung, unter Vermeidung neuzeitlicher Verunreinigung) ergab ein Alter von 42.000 bis 43.000 Jahren. Damit sind die aus Elfenbein geschnitzten Kunstwerke wie auch die Schmuckperlen und die Musikinstrumente mindestens 7000 Jahre älter als bisher angenommen. Die Fundstücke von der Schwäbischen Alb gelten nun erst recht als die frühesten Beweise für die Ankunft des Homo sapiens in Europa – und als die weltweit ältesten Belege für die Kulturstufe des sogenannten „Aurignacien“.

Auch für die Malerei gibt es seit Juni 2012 neue Ursprungs-Hypothesen. Mindestens 40.800 Jahre alt sind einfache, im Halbkreis angeordnete Farbflecken aus einer Höhle in Nordspanien (El Castillo). Rot umrissene Handabdrücke und gelbfarbige Tierzeichnungen von derselben Felswand konnten auf 37.300 Jahre datiert werden. Hier sind die veränderten Altersangaben einem völlig neuen Messverfahrens zu verdanken: Britische Wissenschaftler der Universität in Bristol haben die dünne Kalkschicht, die sich seit der Eiszeit über die Felsbilder gelegt hat, auf radioaktives Uran hin untersucht (sog. Uran-Thorium-Datierung).

In Südfrankreich (Abri Castanet) wurde ein ockerfarbenes, unvollendetes Tierbild auf einem Steinblock neu datiert: Mit einem Alter von rund 37.000 Jahren entspricht das figürliche Felsbild nicht nur farblich, sondern auch zeitlich den Tierfiguren aus Nordspanien. In der öffentlichen Diskussion erregten diese neuen Altersangaben Aufsehen, weil einige Diskussionsteilnehmer den Neandertaler „als Künstler“ ins Gespräch brachten. Die Neudatierung von der Schwäbischen Alb zeigt jedoch, dass zur fraglichen Zeit – vor rund 40.000 Jahren – der Homo sapiens längst in Europa angekommen war.

Ekkehard Jürgens

 

Aktuelle Forschungsliteratur zum Thema:

Thomas Higham et al (2012): Testing models for the beginnings of the Aurignacian and the advent of figurative art and music. The radiocarbon chronology of Geißenklösterle. In: Journal of Human Evolution, Vol. 62, Issue 6 (June 2012), Pages 664-676. (www.elsevier.com/locate/jhevol)

Michael Balter (2012): Early Dates for Artistic Europeans. In: Science, Vol. 336 (1 June 2012), Page 1086 f. (www.sciencemag.org)