1_diese ausgrabung in schoeningen oeffnet ein fenster in das leben der steinzeitjaeger vor 300.000 jahren. foto roland knauer 30

Alltag vor 300.000 Jahren

Die Funde im niedersächsischen Schöningen öffnen ein Fenster zum Leben der Altsteinzeit

 

Von Roland Knauer

 

300.000 Jahre überstanden vier vollständige oder nahezu komplette Speere und die Reste von fünf weiteren solcher Waffen weitgehend unbeschadet im Untergrund, bis sie zwischen 1995 und 1999 von Hartmut Thieme vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und seinen Kollegen in einer Braunkohlegrube bei Schöningen im äußersten Osten Niedersachsen wieder ans Licht geholt wurden. Zusammen mit einer Stoßlanze für besonders große Beute und geschnitzten Wurfhölzern, mit denen man ähnlich wie mit einem Bumerang Vögel und anderes Kleinvieh jagte, sichern sie Schöningen einen Spitzenplatz unter den Fundstellen der Altsteinzeit. Und öffnen gleichzeitig ein riesiges Fenster, das einen Blick in den Alltag dieser Zeit erlaubt.

Holz war schließlich von der Altsteinzeit bis zum Industriezeitalter der wichtigste Werkstoff des Menschen. Noch im 19. Jahrhundert entstanden daraus Fässer zum Aufbewahren von Bier und Kraut, sowie Schiffe oder Möbel gleichermaßen. Nur zersetzt sich solches organische Material normalerweise relativ rasch und von den hölzernen Gerätschaften unserer frühen Vorfahren überdauerte fast nichts den Zahn der Zeit. In Schöningen aber überstanden durch eine Reihe von Zufällen nicht nur die Speere die Jahrhunderttausende und wurden am Ende des 20. Jahrhunderts geborgen.

Mehr als zehntausend Knochen von Tieren haben die Forscher gefunden. An einigen von ihnen zeigen Spuren von Schnitten noch heute, dass die Menschen damals ihre Beute mit Steinklingen zerlegt haben. Auch von diesen Werkzeugen tauchen immer wieder einige auf. Die meisten Tierknochen stammen von Wildpferden. Immer wieder erwischten die Steinzeitjäger aber auch andere Tiere wie zum Beispiel Rotwild. Vom filigranen Fühler von Muschelkrebsen bis zum Skelett eines Wasserbüffels reichen die Funde von Tierüberresten in verschiedenen Bereichen der Braunkohlegrube. Dazu kommen noch Feuerstein-Werkzeuge mit messerscharfen Kanten, die ein geschickter Werkzeugmacher mit wenigen Schlägen herstellte und immer wieder schärfte. Rund 1500 solche Steinsplitter aus Menschenhand haben die Forscher bisher gefunden.

Als die Wissenschaftler die 300.000 Jahre alten Speere genau unter die Lupe nahmen und selbst in Experimenten solche Jagdwaffen herstellten, lernten sie auch die wichtigsten Arbeitsgänge der steinzeitlichen Waffenschmiede. Auf einem „Elm“ genannten Hügel nicht weit von der Fundstelle wuchsen im kalten Klima damals einige Fichten so langsam, dass ihre Stämme auch nach einem halben Jahrhundert nur drei oder vier Zentimeter Durchmesser hatten. Dieses Holz war extrem hart und eignete sich ideal für die Herstellung eines Speers. Mit groben Steinwerkzeugen die Menschen Splitter aus einem solchen Stamm. Nach rund 25 Minuten war die Kerbe tief genug, um das Bäumchen zu fällen. Keine halbe Stunden später waren die Äste abgerissen und die Rinde entfernt.

An der dicksten Stelle im vorderen Drittel behielt das Stämmchen den Durchmesser von etwa vier Zentimetern, den es vorher hatte. Weiter hinten und auch davor hobelte der Werkzeugmacher in einer weiteren Viertelstunde dann seinen oft mehr als zwei Meter langen Speer langsam dünner. So liegt der Schwerpunkt ungefähr ein Drittel der gesamten Länge von der Spitze entfernt und garantiert so optimale Flugeigenschaften. Computerprogramme berechnen heute für die Speere der Sportler des 21. Jahrhunderts nahezu dieselbe Form. In der Steinzeit entfernte der Speermacher in einer weiteren Viertelstunde die Astansätze und glättete sein Gerät. Danach schälte er feine Späne ab, bis die Holzoberfläche nach zwanzig weiteren Minuten perfekt glatt und so der Luftwiderstand besonders gering wurde. Genauso sieht noch heute ein erstklassiger Wurfspeer aus, wie er bei den Olympischen Spielen verwendet wird.

„Wahrscheinlich stand ihr Lager dort oben“, erklärt Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der seit 2008 die Grabungen leitet. An den Hängen des bis zu 320 Meter hohen Mittelgebirgszuges Elm liefern Quellen frisches Wasser, in den lichten Wäldern gab es genug Holz zum Feuermachen und für den Waffenschmied. Von dort oben liefen die Steinzeitmenschen hinunter zu einem See, an dessen Ufer später die Speere und die Knochen der Tiere im Schlamm konserviert wurden. Dort fanden sie nahrhafte Pflanzenknollen, mit denen sie den Winter überstanden. Dort jagten sie anscheinend auch immer wieder die bis zu 600 Kilogramm schweren Pferde, von denen die Forscher bisher Knochen von vielleicht 50 Tieren gefunden haben.

Vermutlich hatten sich diese Tiere zunächst auf einer weiten, kühlen Steppe in Sicherheit gewähnt. Einen Feind entdecken sie dort rasch und entkommen ihm im Galopp leicht. Selbst ein Fohlen hängt schließlich einen Steinzeitmenschen leicht ab. Als die Menschen dann auf der offenen Steppe auf die Pferde zulaufen, alarmiert ein Wiehern die Herde. Wie gewohnt fliehen die Pferde vor den Angreifern. Und laufen genau auf den See zu, der von einem sumpfigen Streifen umgeben ist. Läuft ein Pferd in diesen Morast, endet die Flucht im Galopp. Noch immer aber ist eine 600 Kilogramm schwere Stute ein viel zu gefährlicher Gegner für einen Menschen, der gerade einmal ein Zehntel dieses Gewichts auf die Waage bringt. Zumindest im Nahkampf. Die Steinzeitjäger aber halten einen Sicherheitsabstand zu den Pferdehufen und schleudern aus einer Entfernung von vielleicht 15 Metern ihre Speere. Die Holzspitze durchschlägt die Pferdehaut mit solcher Wucht, dass die Waffe das Tier schwer verletzt. Anschließend ziehen die Menschen mit ihren Feuerstein-Klingen dem toten Pferd das Fell ab. Neben einem üppigen Festessen gewinnen sie so auch einen Überwurf aus Pferdefell. Schließlich waren die Winter damals oft deutlich kälter als heute. „Tierfelle als Kleidungsstücke oder Wetterschutz waren damals sicher hilfreich“, ist Jordi Serangeli überzeugt. Vielleicht hat der Alltag in der Altsteinzeit in Steinheim ja so ähnlich wie in Schöningen ausgesehen?

 

Hinweis: Im Mai 2017 erzählt Jordi Serangeli im Urmensch-Museum Steinheim über die Ausgrabungen in Schöningen.

 


Diese Ausgrabung in Schöningen öffnet ein Fenster in das Leben der Steinzeitjäger vor 300.000 Jahren. Foto Roland Knauer


Jordi Serangeli von der Universität Tübingen leitet seit 2008 die Ausgrabungen in der Schöninger Braunkohle-Grube , Foto Roland Knauer


Mit solchen Feuerstein-Werkzeugen arbeiteten die Steinzeitjäger vor 300.000 Jahren. Foto Roland Knauer

 

Alle Fotos: Roland Knauer

 

 

Quellen:

Forschungs- und Erlebniszentrum „paläon“ der Stadt Schöningen.

 

Diskussionen mit Dr. Jordi Serangeli, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der  Eberhard Karls Universität Tübingen und wissenschaftlicher Grabungsleiter der Ausgrabungen in Schöningen.