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Zwei Forscherinnen graben in der El-Sidron-Höhle in Spanien eine ganze Neandertaler-Familie aus. Foto: Paleoanthropology Group MNCN-CSIC

Das lange Wachsen der Neandertaler

Die Knochen eines fast achtjährigen Kind erzählen von kleinen Unterschieden

Von Roland Knauer

 

Gut acht Monate nach seinem siebten Geburtstag war der Neandertaler mit seiner stämmigen Figur, einer Größe von einem Meter und elf Zentimetern und einem Gewicht von ungefähr 26 Kilogramm auf dem besten Weg zu einem vollwertigen Jäger und Sammler. Bis dann ein Unglück nicht nur sein Leben beendete, sondern einen großen Teil oder vielleicht auch seine gesamte Familie auslöschte.

Über die Hintergründe dieser Familientragödie vor rund 49.000 Jahren im heutigen Asturien im Norden Spaniens wissen Antonio Rosas vom Nationalen Naturkundemuseum in Madrid und seine Kollegen bisher zwar wenig. Für die Forschung aber ist der Fund der gut erhaltenen Überreste der Neandertaler-Familie in der El Sidron-Höhle ein Glücksfall, aus dem sie viel über das Leben dieser nächsten Verwandten von uns modernen Menschen erfahren. So entwickelte sich der Körper des siebenjährigen Neandertalers abgesehen von zwei klaren Unterschieden wohl sehr ähnlich wie bei einem heutigen Kind, berichten Antonio Rosas und seine Kollegen jetzt in der Zeitschrift Science (Band 357, Seite 1282).

Dabei gab es deutliche Unterschiede zwischen dem Leben der ausgelöschten Familie und uns modernen Menschen, aber auch den Neandertaler-Zeitgenossen. So verraten Erbgutanalysen den Forschern einiges über das Sozialleben der Verstorbenen. Die Männer unter den sieben Erwachsenen waren zum Beispiel eng miteinander verwandt und gehörten wohl zur gleichen Sippe. Die drei Frauen dagegen stammten aus unterschiedlichen Gruppen. Dieser Befund deutet darauf hin, dass die Söhne in dem Clan blieben, in dem sie geboren wurden, während sich die Töchter anderen Gruppen anschlossen, wenn sie erwachsen wurden. So ähnlich halten es auch die letzten noch heute auf der Erde lebenden Jäger und Sammler. Selbst bei den ersten Bauern, die vor gut 4000 Jahren im Lechtal im nördlichen Voralpenland lebten, fanden deutsche Forscher kürzlich Hinweise auf vergleichbare Gepflogenheiten.

Die Überreste der El Sidron-Neandertaler liefern den Forschern auch wertvolle Hinwiese auf deren Speisekarte. Offensichtlich kamen bei ihnen die noch heute in der Küche der Mittelmeerländer sehr beliebten Pinienkerne oft auf den Tisch.  Zusätzlich hatten sie noch ein Faible für Pilze und Moos. Die damals wie heute beliebten Tierprodukte aber ließen die El Sidron-Neandertaler, die vermutlich alle Rechtshänder waren, links liegen. Dieses Ergebnis überrascht ein wenig, weil die Neandertaler nicht nur kräftiger und stämmiger als moderne Menschen waren, sondern auch ein größeres Gehirn hatten. Das wiederum zieht einen höheren Energieverbrauch nach sich, der sich mit Fleisch am besten decken lässt. Das gilt vor allem für die Jugendjahre, in denen das Gehirn noch wächst.

Soweit die Theorie, in der Praxis aber wissen die Forscher bisher kaum, ob sich Neandertaler-Kinder ähnlich entwickelt haben wie heutige Menschen. Beantworten lässt sich diese Frage mit Hilfe der Funde in der El Sidron-Höhle, zu denen auch die Knochen von zwei Kindern einer der Frauen gehören: Eines davon starb als Kleinkind, sein großer Bruder war der siebenjährige Junge, dessen Skelett die Zeiten recht gut überstanden hatte. Unter anderem hatte der Neandertaler-Nachwuchs noch einen Teil seiner Milchzähne, aber auch schon die ersten dauerhaften Zähne, von denen ein weiterer Teil sich im Kiefer bereits entwickelt hatte. Anhand dieser Zähne konnten die Forscher sehr genau das Alter des Jungen mit 7,7 Jahren bestimmen.

Vergleichen Antonio Rosas und seine Kollegen die Entwicklung dieses Jungen mit einem gleichaltrigen modernen Menschen, finden sie keine gravierenden Unterschiede. Bis auf zwei Ausnahmen. Die Entwicklung der Wirbelsäule entspricht eher einem vier- bis sechsjährigen Jungen, der über die Bolzplätze des 21. Jahrhunderts tobt. Zum anderen ist das Gehirn eines siebenjährigen Grundschülers heutzutage zu rund 95 Prozent ausgewachsen, während das Denkorgan des Neandertaler-Jungen erst 87,5 Prozent der Größe des Gehirns eines Erwachsenen erreicht hatte. Das wiederum bedeutet keineswegs, dass die Neandertaler langsamer wuchsen, sondern spiegelt eher den unterschiedlichen Körperbau wider: Bei gleicher Wachstumsgeschwindigkeit, auf die ja alle anderen Körpermerkmale hinweisen, braucht der Organismus einfach länger, den stämmigeren und größeren Körper mit einem größeren Gehirn eines Neandertalers auswachsen zu lassen. Neandertaler wuchsen also nicht langsamer, sondern länger. Ob die Kinder der Steinheimer Urmenschen-Frau sich ähnlich entwickelten, lässt sich leider nur vermuten, weil außer ihrem Schädel keine weiteren Knochen von ihr selbst oder von anderen Mitgliedern ihres Clans gefunden wurden.

 

Quelle:

Antonio Rosas, Luis Rios, Almudena Estalrrich, Helen Liversidge, Antonio Garcia-Tabernero, Rosa Huguet, Hugo Cardoso, Markus Bastir, Carles Lalueza-Fox, Marco de la Rasilla, Christopher Dean: The growth pattern of Neandertals, reconstructed from a juvenile skeleton from El Sidrón (Spain), in Science, Band 357, Seite 1282, Link: http://science.sciencemag.org/cgi/doi/10.1126/science.aan6463

Das Skelett des siebenjährigen Neandertalers aus der El-Sidron-Höhle in Spanien lässt bereits den stämmigen Körperbau der Erwachsenen gut erkennen.

Foto: Paleoanthropology Group MNCN-CSIC

19/Junio/2015 Asturias. Concejo de Piloña. Cueva de El Sidrón, donde se halló la mejor colección de huesos de Neardentales de la Península Ibérica. © JOAN COSTA

Antonio Rosas fand bei den Ausgrabungen in der El-Sidron-Höhle in Spanien die Überreste einer ganzen Familie.
Foto: Joan Costa – CSIC Communication