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Die Vorfahren der Hobbits

Neue Funde beleuchten die Herkunft der Zwerg-Menschen
Homo floresiensis

Von Roland Knauer

 

Mike Morwood von der University of New England in Australien glaubte seinen Augen nicht trauen zu können, als er im September 2003 in der Liang Bua-Höhle auf der indonesischen Insel Flores Knochen entdeckte, die anscheinend von Lebewesen aus der weiteren Verwandtschaft des modernen Menschen stammten. Nur war alles an ihnen eine Nummer kleiner: Mit etwa einem Meter Körpergröße hatten sie nicht einmal die Statur eines Schimpansen, auch ihr Gehirn war kaum größer.

Trotzdem ähnelten der Schädel und etliche weitere Eigenschaften eher einem Frühmenschen oder vielleicht auch einem Menschenkind. Die Weisheitszähne aber wiesen eindeutig auf einen Erwachsenen hin. Offensichtlich lebten vor mindestens 50.000 Jahren neben dem modernen Menschen und den Neandertalern noch eine weitere Menschenart auf der Erde, die nach ihrem Fundort „Homo floresiensis“ genannt wurde.

Vielleicht war eine Gruppe der Frühmenschen Homo erectus auf Flores gestrandet und hatten sich dort zu einer Zwergform verkleinert, spekulierten die Forscher aus Australien und Indonesien. „Ähnliche Entwicklungen gab es bei einigen Säugetier-Gruppen, bei Affen aber kannten wir bisher kein Beispiel einer solchen Verzwergung“, erklärt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig. Genau dieses Beispiel liefern im Juni 2016 mit sechs Zähnen und einem Unterkiefer-Bruchstück Gert van den Bergh und Adam Brumm von der University of Wollongong in Australien mit ihren Kollegen in der Fachzeitschrift Nature.

Es gab sie also tatsächlich, die „Hobbits“ genannten kleinen Menschen,  die in der Filmtrilogie gleichen Namens und in den drei  überlangen Fantasy-Filmen „Herr der Ringe“ die Hauptrolle spielen. 60 bis 120 Zentimeter groß sind diese „Halblinge“ oder eben Hobbits auf der Leinwand und in den Romanen von John Ronald Reuel Tolkien, die als Vorlage für die in Neuseeland gedrehten Filme dienten. Kein Wunder, dass der aus diesem Land stammende Mike Morwood seinen auf den wissenschaftlichen Namen Homo floresiensis getauften Frühmenschen-Fund in der Liang-Bua-Höhle mit einem Augenzwinkern gern „Hobbits“ nannte.

So sensationell dieser Fund von Homo floresiensis war, so viele Fragen warf er auch auf. Wo waren die echten Hobbit-Menschen der indonesischen Insel Flores hergekommen? Weshalb waren sie kleiner als alle anderen bekannten Menschen- und Frühmenschengruppen? Sollten sie vielleicht vom 500 Kilometer entfernten Java gekommen sein?

„Dort waren die Frühmenschen Homo erectus bereits vor mindestens 1,2 Millionen Jahren aufgetaucht“, berichtet der Frühmenschenforscher Jean-Jacques Hublin. Da während der Eiszeiten der Meeresspiegel oft niedriger als heute lag, waren die Inseln Java und Sumatra mehrmals mit dem Festland verbunden und die Frühmenschen konnten problemlos bis in den Osten Javas wandern. Flores aber war vermutlich immer eine Insel gewesen, die Hobbits mussten also mehr als eine breite Wasserstraße überwunden haben.

Nach einer solchen schwierigen Passage blieben die Homo erectus Frühmenschen auf Flores wohl ziemlich isoliert, vermutete Mike Morwood. Mit gerade einmal 15.000 Quadratkilometern und damit nicht einmal der Größe des kleineren deutschen Bundeslandes Schleswig-Holstein werden auf einer solchen Fläche mit der Zeit die Ressourcen knapp. In dieser limitierten Versorgungslage überleben am ehesten kleinere Individuen, die weniger Ressourcen brauchen. Als in der letzten Zwischeneiszeit vor rund 125.000 Jahren auf der Insel Jersey gerade einmal 25 Kilometer vor der Küste Frankreichs eine Rotwild-Gruppe von ihren Artgenossen auf dem Festland abgeschnitten wurde, dauerte es höchstens 6000 Jahre, bis die Tiere auf ein Sechstel ihrer Körpergröße geschrumpft waren.

Auch auf Flores lebte einst mit dem Stegodon eine heute ausgestorbene Gattung der Rüsseltiere, die Elefanten ähnelte und mit diesen auch verwandt war. Die Insel-Tiere aber waren erheblich kleiner als die Stegodons im Rest der Welt. Die Rüsseltiere konnten sich diese Miniaturisierung noch aus einem anderen Grund leisten: Große Raubtiere wie Tiger hatten es anscheinend nicht bis nach Flores geschafft. Gegen solche Gegner haben große Tiere natürlich viel bessere Chancen als Halblinge. Fehlen die Tiger, können die Rüsseltiere sich das Kleinsein viel eher leisten. Ähnlich könnte es auch den Hobbits gegangen sein, vermuteten Mike Morwood und seine Kollegen bereits im Jahr 2004.

Ihre Theorie aber hatte durchaus Konkurrenz: So könnten die Flores-Menschen auch durch eine Fehlbildung sehr klein geblieben sein. Obendrein hatte Homo floresiensis deutlich kürzere Beine als die Forscher es bei einem auf eine Körpergröße von einem Meter geschrumpften Frühmenschen erwarten würden. Eine ähnliche Beinlänge hat auch die Vormenschen-Gattung Australopithecus, deren bekanntester Vertreter „Lucy“ vor rund 3,2 Millionen Jahren in Afrika lebte. Lucys Gehirn war ebenfalls ähnlich groß wie das in einem Hobbit-Schädel und es gab noch einige weitere Ähnlichkeiten. Zwar verlieren sich die Spuren von Australopithecus bereits vor 1,8 Millionen Jahren, als direkter Vorfahre der Hobbits wurde diese Gattung trotzdem gehandelt. Oder hatten Flores vielleicht sogar Denisova-Menschen erreicht, die Forscher wie Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und EVA-Forscher Svante Pääbo nur mit Hilfe des Erbguts in Asien identifiziert hatten? Über das Aussehen dieser Gruppe aber tappen die Wissenschaftler noch ziemlich im Dunklen.

Welche dieser Theorien richtig ist, können Forscher kaum entscheiden, solange sie nur die Überreste einer einzigen Gruppe von Hobbits kennen, die vor mindestens 50.000 Jahren in der Liang Bua-Höhle lebten. Daher war Gert van den Bergh, ein enger Mitarbeiter des 2013 verstorbenen Mike Morwood, ziemlich aufgeregt, als er 74 Kilometer vom ersten Fundort entfernt im So’a-Becken im Insel-Inneren von Flores sechs Zähne und des Bruchstück eines Unterkiefers fand, die allesamt auch einem Hobbit gehören könnten. Sorgfältige Analysen zeigen, dass diese Halblinge vor rund 700.000 Jahren in einer relativ trockenen Savanne lebten. Offensichtlich waren die Forscher auf frühe Vorfahren der Hobbits von der Liang Bua-Höhle gestoßen, die allenfalls ähnlich klein oder vielleicht sogar noch ein wenig kleiner als diese waren.

„Da die Denisova-Menschen erst seit rund 600.000 Jahren eigene Wege gegangen sind, fallen sie als Vorfahren der Hobbits aus“, erklärt Johannes Krause eine Schlussfolgerung. „Mehr als eine halbe Million Jahre zwischen den frühen Homo floresiensis und den modernen Menschen schließen auch Fehlbildungen als Ursache für die geringe Körpergröße aus“, ist Jean-Jacques Hublin sich sicher. Vieles deutet dagegen auf Homo erectus als Urahnen: Er lebte vor 1,2 Millionen Jahren im 500 Kilometer entfernten Java. 200.000 Jahre später stellten Frühmenschen auf der Insel Flores Stein-Werkzeuge her. Noch einmal 300.000 Jahre jünger sind die jetzt entdeckten Zähne der Hobbit-Vorfahren, die damit mindestens so lange Zeit hatten, ihr Körpergröße zu Halblingen zu reduzieren. Auch das scheint Zeit genug für eine Verzwergung. Das Rotwild auf Jersey ist jedenfalls deutlich schneller geschrumpft.

 

Die Fundstelle

Hobbit-Welt: Gleich neben den Hobbit-Zähnen und dem Unterkiefer-Fragment fanden die Forscher auch Überreste eines Zwerg-Stegodon-Rüsseltieres, einer Riesenratte, eines Krokodils und einer Komodo-Waran-Riesenechse, die auch heute noch auf Flores lebt.

Ein Vulkanausbruch in der Nähe löste eine Schlammlawine aus, die unmittelbar über diesen Fossilien lag. Da die Hobbit-Überreste von mindestens zwei Kindern und einem Erwachsenen stammen, könnten die Folgen dieses Vulkanausbruchs für deren anscheinend gleichzeitigen Tod verantwortlich sein.

 

Quellen:

 

Gerrit van den Bergh et al.: Homo floresiensis-like fossils from the early Middle Pleistocene of Flores in der Online-Ausgabe von Nature, 09. Juni 2016

 

Adam Brumm et al.: Age and context of the oldest known hominin fossils from Flores in der Online-Ausgabe von Nature, 09. Juni 2016

 

P. Brown et al.: A new small-bodied hominin from the Late Pleistocene of Flores, Indonesia in Nature, Band 431, Seite 1055  – 1061 (28. Oktober 2004)

 

Diskussionen mit:

Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung Human Evolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, sowie Professor an den Universitäten Leipzig und Leiden

Prof. Dr. Johannes Krause, Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena und Professor an der Universität Tübingen.

 

Bildunterschrift

In dieser Savannen-Landschaft im So’a-Becken der indonesischen Insel Flores fanden Forscher die Überreste von gerade einen Meter großen Zwergmenschen (Foto: Gert van den Bergh/University of Wollongong/Australien)