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Im 21. Jahrhundert werfen trainierte Athleten die gleichen Speere wie die Steinzeitbewohner vor 300.000 Jahren gezielt und mit gefaehrlicher Wucht auf Heuballen Foto: Annemieke Milks UCL

Fernwaffen der Steinzeit

Auf 20 Meter Entfernung dürfte die Steinheimer Urmenschen-Frau Tiere mit ihrem Speer tödlich getroffen haben

 

Von Roland Knauer

In der Zeitlupen-Aufnahme trifft ein Speer von links oben auf einen Strohballen, dringt tief ein und bleibt schließlich zitternd im Heu stecken. Einem trainierten Athleten gelingen solche Treffer auf eine Entfernung von 20 Metern durchaus. Hätte der Werfer nicht auf einen Strohballen, sondern auf ein an der gleichen Stelle stehendes Schaf oder Pferd gezielt, hätte der Speer es schwer verletzt oder sogar getötet. Vor 300.000 Jahren hätten sich dort, wo mächtige Bagger bis zum Jahr 2016 in der Nähe des niedersächsischen Städtchens Schöningen gleich an der Grenze nach Sachsen-Anhalt Braunkohle aus der Erde geholt haben, die Jäger der Steinzeit nach einem solchen Wurf über eine gute Beute gefreut.

Zumindest hatten das Archäologen vermutet, nachdem in den 1990er Jahren aus dieser Kohlegrube neun Speere aus Holz geborgen wurden, die zwar seit 300.000 Jahre dort unter der Erde lagen, deren Proportionen aber modernen Wettkampfspeeren verblüffend ähnelten. Allerdings waren bisher keine Experimente an die breite Öffentlichkeit gedrungen, die mit den strengen Maßstäben der naturwissenschaftlichen Archäologie analysieren, ob die Urzeit-Speere tatsächlich als tödliche Fernwaffen geworfen werden konnten. Genau das haben jetzt Annemieke Milks vom University College London und ihre Kollegen nachgeholt und schildern ihre Ergebnisse in der Online-Zeitschrift Scientific Reports.

In Schöningen hatten die Steinzeit-Menschen ihre Speere meist aus dem Stammholz von Fichten hergestellt, die im rauen Klima nur langsam gewachsen waren und nach einem halben Jahrhundert nur drei oder vier Zentimeter Durchmesser hatten. Dieses Holz war extrem hart und daher ideal für Speere. In der englischen Grafschaft Kent fanden Annemieke Milks und ihre Kollegen ähnliche Fichten, aus deren Stämmchen sie Speere genau nach dem Vorbild der 300.000 Jahre alten Originale herstellten: Mehr als zwei Meter lang werden die Hölzer nach vorne und hinten immer schmäler, wobei die dickste, rund vier Zentimeter dicke Stelle etwa ein Drittel der Gesamtlänge von der vordersten Spitze des Stämmchens entfernt liegt. Mit ballistischen Untersuchungen zeigen heute Forscher, dass Speere mit einer solchen Form  besonders weit und gut gezielt geworfen werden können. Mit Steinwerkzeugen, wie sie die Menschen vor 300.000 Jahren verwendet hatten, gaben die Forscher ihren Speeren am Ende den letzten Schliff, bis sie den Waffen der Steinzeitjäger bis aufs Haar ähnelten.

Mit solchen Nachbildungen hatten bereits früher Wissenschaftler und Studenten experimentiert. Zuverlässige Schlussfolgerungen lassen sich daraus allerdings kaum ziehen, weil Forscher normalerweise keine Übung im Speerwurf haben. „Die Steinzeitmenschen aber übten diese für sie lebenswichtige Disziplin von Kindesbeinen an intensiv“, erklärt Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der seit 2008 die Ausgrabungen in Schöningen leitet. Annemieke Milks hatte daher triftige Gründe, sechs gut trainierte Speerwerfer an einem kühlen, englischen Januarmorgen zu ihren Experimenten zu bitten.

Mit mehreren Hochgeschwindigkeitskameras filmte die Forscherin dann das Abwerfen, die Flugbahn und das Auftreffen auf den Heuballen. Bei 102 Würfen auf Ziele, die zwischen fünf und 25 Metern entfernt standen, war im Durchschnitt jeder vierte Versuch ein Treffer, wobei allerdings bei der größten Distanz alle Speere den Ballen verfehlten. Dabei fiel den Forschern auf, dass die Trefferquote eines Athleten, der bereits seit fünf Jahren Speerwurf trainiert hatte, dreimal höher als bei einem Kollegen lag, der erst seit einem Jahr übte. „Die Steinzeit-Speerwerfer könnten also durchaus noch besser getroffen haben“, vermutet Jordi Serangeli.

Bei den Versuchen in England trafen die Speere mit einem Tempo zwischen 45 und 78 Kilometern in der Stunde ins Ziel, ermittelt Annemieke Milks aus den Kamera-Aufzeichnungen. Auch dabei trafen die erfahrenen Athleten mit einer höheren Geschwindigkeit als diejenigen, die noch nicht so lange dabei waren. Trifft ein Speer mit einem Gewicht von 760 oder 800 Gramm mit diesem Tempo auf ein Pferd und damit auf die mit Abstand häufigste Beute in Schöningen, reicht die Wucht des Geschosses, um durch die Haut tief in das Gewebe einzudringen und schwere oder sogar tödliche Verletzungen zu verursachen.

„Mit ihren Experimenten beweisen Annemieke Milks und ihre Kollegen unsere bereits seit langem gehegte Vermutung, dass die Steinzeitmenschen in Schöningen ihre Speere aus sicherer Entfernung auf ihre Beute werfen konnten“, erklärt Grabungsleiter Jordi Serangeli. Diese Waffe aber nutzten die Menschen dieser Zeit wohl kaum nur zur Jagd. Schließlich waren damals in der Gegend des heutigen Schöningen eine ganze Reihe nicht zu unterschätzender Gegner von der 200 Kilogramm schweren Säbelzahnkatze bis zu Wisenten und Auerochsen unterwegs, die beide mit einem Gewicht von etwas weniger als einer Tonne aufwarten können. „Sobald sie ihr Zuhause verließen, haben die Menschen damals sehr wahrscheinlich ihre Speere ähnlich selbstverständlich mitgenommen wie wir im 21. Jahrhundert unseren Hausschlüssel einstecken“, vermutet Jordi Serangeli. Schließlich waren die Steinzeitmenschen solchen Gegnern im Nahkampf hoffnungslos unterlegen und wehrten sich lieber aus sicherer Entfernung. Wenn es überhaupt so weit kam: Wahrscheinlich lernten Säbelzahnkatzen und andere Gegner rasch, dass mit so bewaffneten Zweibeinern tagsüber nicht zu spaßen ist und gingen ihnen daher so gut wie möglich aus dem Weg. Die Möglichkeit, Speere auf einige Entfernung gezielt zu werfen, machten die Welt der Menschen also vor einigen hunderttausend  Jahren auch sicherer. Auch die Steinheimer Urmenschen-Frau hätte daher heute wohl gute Medaillen-Chancen, wenn sie bei den modernen Olympischen Spielen im Speerwerfen antreten könnte.

 

Quelle:

Annemieke Milks, David Parker & Matt Pope: External ballistics of Pleistocene hand-thrown spears: experimental performance data and implications for human evolution, in Scientific Reports, 25. Januar 2019: (https://doi.org/10.1038/s41598-018-37904-w ). Am Ende des Papers gibt es Links zu einigen schönen Videos der Studie.

 

Diskussionen mit Dr. Jordi Serangeli, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der  Eberhard Karls Universität Tübingen und wissenschaftlicher Grabungsleiter der Ausgrabungen in Schöningen.