jayne wilkins science speerspitzen 30

Foto: Jayne Wilkins, Science

Homo erectus, der Großwildjäger

Speerspitzen aus Stein gab es bereits vor 500.000 Jahren

Von Roland Knauer

Die Jagd auf große Tiere ist viel älter als der moderne Mensch Homo sapiens, der seit gut 200.000 Jahren auf der Erde lebt. Im heutigen Israel erlegten unsere frühen Vorfahren vor 780.000 Jahren gern Damwild, vor 370.000 Jahren standen im jetzigen Bilzingsleben im Norden des Thüringer Beckens die damals dort lebenden Elefanten und Nashörner auf dem Speiseplan, während die Jäger in Schöningen weit im Osten des heutigen Niedersachsen vor etwa 300.000 Jahren vor allem Pferde erbeuteten. Diese Huftiere erlegten sie wohl mit Jagdwaffen, deren Form heutigen Wettkampfspeeren verblüffend ähnelte. Sieben perfekte, bis zu 250 Zentimeter lange, komplett aus Holz gemachte Speere haben die von Jordi Serangeli von der Universität Tübingen geleiteten Ausgrabungen dort zu Tage gefördert.

Bereits 200.000 Jahre früher aber dürfte es Jagdwaffen gegeben haben, deren Spitzen nicht aus Holz, sondern aus hartem Stein bestanden, haben Jayne Wilkins und Michael Chazan von der Universität im kanadischen Toronto gemeinsam mit ihren Kollegen in der Zeitschrift Science berichtet. Den Forschern waren bei Ausgrabungen in der Nähe der Stadt Kathu im Norden Südafrikas einige Hundert rund sieben Zentimeter lange Spitzen aus Bändereisenstein aufgefallen. Die kunstvoll bearbeiteten Werkzeuge lagen in einer etwa eine halbe Million Jahre alten Schicht. Hersteller musste also Homo erectus gewesen sein, aus dem sich sowohl der moderne Mensch Homo sapiens wie auch die Neandertaler entwickelt haben.

Nur taugten die Fundstücke nicht als Messer oder Schaber, waren die Forscher überzeugt. Am breiten Ende hatten die Hersteller jedoch Steinsplitter so abgeschlagen, dass man den Stein an dieser Stelle gut mit einem Schaft aus Holz verbinden konnte. Waren den Forschern also Spitzen von Speeren in die Hände gefallen, mit denen Homo erectus damals dem Großwild nachstellte? So alte Jagdwaffen, die aus zwei unterschiedlichen Materialien zusammengesetzt waren, hatte bisher niemand gefunden, alle vergleichbaren Funde waren mindestens 200.000 Jahre jünger.

Ein Praxistest lieferte dann den Beweis, dass die Großwildjäger vor einer halben Millionen Jahren tatsächlich schon mit Speeren aus mehreren Komponenten jagten: Zunächst schlugen die Forscher 32 ähnliche Spitzen aus dem in der Gegend reichlich vorhandenem Bändereisenstein, der in einer der größten Tagebau-Eisenerzminen der Welt bei Kathu abgebaut wird. Mit Akazien-Harz und Tiersehnen hefteten sie ihre Speerspitzen dann an Rundhölzer, die wenige Zentimeter Durchmesser hatten. So ähnlich könnten auch die Speere vor einer halben Million Jahren ausgesehen haben.

Mit geübten Steinzeitjägern aber können moderne Archäologen kaum konkurrieren. Also schossen die Forscher ihre Modellspeere mit einer Armbrust immer mit der gleichen Kraft auf die Kadaver von Springböcken. Jeder Schuss findet so unter den gleichen Versuchsbedingungen statt – auf diese Bedingung legen die Naturwissenschaftler des 21. Jahrhunderts großen Wert.

„Die nachgebauten Speere der Steinzeit funktionieren“, freuten sich die Forscher aus Kanada: Die Spitzen drangen gut in das Fleisch der toten Tiere ein und überstanden die Prozedur meist unbeschadet. Die Steinzeitjäger konnten nach erfolgreicher Jagd ihre aufwändig hergestellten Speere also auch wieder verwenden. „Nur zweimal zersplitterten die Spitzen so, dass wir sie nicht mehr verwenden konnten“, berichten die Archäologen. Alle anderen Spitzen zeigten erst nach etlichen Schüssen auf die Springbock-Kadaver kleine Risse im Stein. Genau die gleichen Mini-Schäden waren den Forschern auch bei einigen der Speerspitzen aus der Steinzeit aufgefallen. Damit scheint es klar zu sein: Bereits vor einer halben Million Jahren haben Jäger ihre Speere erfolgreich auf lebendes Großwild geschleudert. Schließlich werden die Steinzeitjäger kaum wie die Forscher des 21. Jahrhunderts auf tote Tiere gezielt haben.

 

Quellen

Jayne Wilkins et al.: “Evidence for Early Hafted Hunting Technology” in Science, Band 338, Seiten 942 – 946

Diskussionen mit Dr. Jordi Serangeli, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der  Eberhard Karls Universität Tübingen und wissenschaftlicher Grabungsleiter der Ausgrabungen in Schöningen.

 

Bildunterschrift

Ähnlich wie in diesen Nachbildungen hefteten wohl auch Steinzeitjäger vor einer halben Million Jahren ihre Speerspitzen mit Akazienharz und Tiersehnen an den hölzernen Schaft

Foto: Jayne Wilkins, Science