dr schannon mc pharron und grabungsleiter dr abdelouahed ben ncer. ueber der blauen schaufel kann man einen schaedel eines steinzeitjaegers erkennen. foto mpi eva leipzig 30

Dr Schannon Mc Pharron und Grabungsleiter Dr Abdelouahed Ben-Ncer. Ueber der blauen Schaufel kann man einen Schaedel eines Steinzeitjaegers erkennen. Foto MPI EVA Leipzig

Moderne Zeitgenossen des Steinheimer Urmenschen

Homo sapiens lebte schon vor 300.000 Jahren im Nordwesten Afrikas – in Europa aber konnte er sich damals wohl nicht festsetzen

 

von Roland Knauer 

 

Als die Steinzeitjäger die gerade erbeuteten Gazellen in ihre Höhle schleppten, konnten sie kaum ahnen, dass sie 300.000 Jahre später als wissenschaftliche Sensation in den Schlagzeilen landen würden. Weiteten sie doch die bisher auf 200.000 Jahre vermutete Geschichte des modernen Menschen Homo sapiens um satte hunderttausend weitere Jahre aus. Damit rücken diese frühen modernen Menschen deutlich an die Epoche der Steinheimer Urmenschen-Frau heran. Und das nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum.

Während man bisher annahm, die Wiege des modernen Menschen habe in den Savannen im Osten Afrikas gestanden, lebten die Gazellenjäger vor rund 300.000 Jahren am Hügel Djebel Irhoud, der im heutigen Marokko rund 55 Kilometer südöstlich der Küstenstadt Safi liegt. Als Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig, Abdelouahed Ben-Ncer vom Nationalen Archäologischen Institut Marokkos in Rabat und ihre Kollegen im Sommer 2017 in der Zeitschrift Nature von Überresten dieser Steinzeitjäger und ihrer Werkzeuge berichteten, schlugen die beiden Artikel in Fachkreisen wie eine Bombe ein. Und der eher bescheidene Kopf der Entdeckergruppe Jean-Jacques Hublin ist felsenfest davon überzeugt, dass die Lehrbücher umgeschrieben werden müssen.

Schließlich lagen die beiden ältesten bisher von Forschern gefunden Überreste unserer Art Homo sapiens gerade einmal 195.000 und 160.000 Jahre im Boden Äthiopiens. Diese frühen modernen Menschen aber waren von der Sahara und der Wüste auf der Arabischen Halbinsel praktisch eingesperrt und lebten nur im Osten und Süden Afrikas, waren die allermeisten Frühmenschen-Forscher felsenfest überzeugt. Erst vor gut hunderttausend Jahren erreichten sie den Nahen Osten und noch einmal fünfzigtausend Jahre später Europa.

Tatsächlich stammen alle in Europa und Asien gefundenen Relikte früher Menschen, die älter als 50.000 Jahre sind, recht eindeutig von Neandertalern und ihren Vorfahren. Diese aber gingen bereits seit mindestens einer halben Million Jahren ihre eigenen Wege, der erste Nachweis von Homo sapiens in Europa ist dagegen gerade einmal 45.000 Jahre alt. Als beim Abbau von Schwerspat am Djebel Irhoud 1960 die Reste eines Lagers von Steinzeitjägern auftauchte, war daher das Rätselraten groß: Handelte es sich vielleicht um Neandertaler, die von der Iberischen Halbinsel über die Straße von Gibraltar den Nordwesten Afrikas erreicht hatten?

Das hätte auch zur ersten Schätzung über das Alter des Fundes gepasst, die zunächst auf gerade einmal 40.000 Jahre lautete. Im Jahr 2007 zeigte eine sogenannte „Elektronen-Spin-Resonanz-Analyse“ oder kurz „ESR“ eines Zahns in einem bereits in den 1960er Jahren gefunden Unterkiefer eines Kindes Jean-Jacques Hublin und seinen Kollegen dann ein Alter von rund 160.000 Jahren. Nur war diese Schätzung ebenfalls wacklig, weil die natürliche radioaktive Strahlung aus dem Gestein unmittelbar neben dem Fund solche ESR-Analyse stark beeinflusst. Eine solche detaillierte Strahlungsmessung aber fehlte.

Daher bestimmte der EVA-Experte für solche Altersbestimmungen Daniel Richter in etlichen extra dafür gebohrten Löchern mit winzigen Dosimeter-Geräten ein Jahr lang diese Umweltstrahlung. Mit diesen Daten und erheblich verfeinerten Methoden analysierte Rainer Grün von der Nationaluniversität Australiens in Canberra die bereits vorhandenen Messungen noch einmal und erhielt ein verblüffendes, aber auch sehr zuverlässiges Ergebnis: Der Zahn sollte um die 300.000 Jahre alt sein.

Gleichzeitig hatte Daniel Richter auch etliche unmittelbar bei den Überresten der Steinzeitjäger gefundene Schaber, Klingen und andere Klein-Werkzeuge aus Feuerstein mit einer „Thermolumineszenz“ genannten Methode unter die Lupe genommen. Damit analysieren Forscher zum Beispiel, wann ein Tongefäß hergestellt wurde. „In ihrer Höhle brannten die Steinzeitjäger damals offensichtlich sehr häufig Feuer“, schildert Jean-Jacque Hublin ein weiteres Ergebnis der Untersuchungen. Dabei aber wurden in der Nähe liegenden Feuersteine ähnlich wie Ton beim Brennen kräftig erhitzt. Kennen die Forscher dann noch die Umweltstrahlung, können sie mit der Thermolumineszenz-Methode recht genau bestimmen, wann ein Feuer die Steinwerkzeuge zum letzten Mal kräftig erhitzt hat. Das aber war vor mindestens 300.000 Jahren der Fall gewesen.

Jagten damals am Djebel Irhoud in Marokko also Steinzeitmenschen aus den Kreisen der Neandertaler oder deren Vorfahren? Hatten die Forscher vielleicht sogar entfernte Verwandte des Steinheimer Urmenschen-Frau entdeckt?

Dieser Überlegung widerspricht der EVA-Forscher Philipp Gunz vehement. Jean-Jacques Hublin, Abdelouahed Ben-Ncer und ihre Kollegen hatten nämlich zusätzlich zu den bereits in den 1960er Jahren entdeckten sechs Überresten der Steinzeitmenschen in neuen Ausgrabungen 16 weitere Fossilien entdeckt. „Insgesamt haben wir jetzt drei Schädel, zwei Gesichtsknochen, Zähne, Oberschenkel, Wirbel und andere Knochen von mindestens drei Erwachsenen, einem Heranwachsenden und einem achtjährigen Kind“, fasst Jean-Jacques Hublin die bisherigen Funde zusammen.

Philipp Gunz aber ist Spezialist für Gesichter und Schädel von Neandertalern und modernen Menschen. Und er ist sich absolut sicher, dass die Gesichter der Steinzeitjäger ähnlich fein geschnitten wie von Menschen waren, die heutzutage mit U-Bahnen durch mitteleuropäische Großstädte zur Arbeit fahren. Neandertaler und auch die Steinheimer Urmenschen-Frau hatten dagegen kantigere Gesichter, auch ihre Zähne sahen anders aus. „Am Djebel Irhoud jagten also weder Neandertaler noch deren Vorfahren, sondern moderne Menschen“, ist Jean-Jacques Hublin sich sicher.

Nur der Schädel dieser Menschen war länger gestreckt als unserer und das Gehirn darin war noch anders strukturiert: Es ähnelte eher dem Denkorganen früherer Menschenlinien, schließt EVA-Forscher Philipp Gunz aus den drei gefundenen Schädeln. Offensichtlich hat sich das moderne Gehirn also erst später entwickelt. Das dürfte auch niemand überraschen, schließlich ist der moderne Mensch nicht vom Himmel gefallen, sondern hat sich mehr oder weniger langsam entwickelt. Obendrein zeigen Analysen des Erbguts deutliche Unterschiede zwischen modernen Menschen, Neandertalern und den kürzlich entdeckten Denisova-Menschen genau bei solchen Erbeigenschaften, die bei der Entwicklung von Gehirn und Nervensystem eine wichtige Rolle spielen. Dazu wiederum passen die Steinwerkzeuge, die vor rund 300.000 Jahren deutlich modernisiert wurden. „Ein Zusammenhang mit den neuen Gehirnstrukturen und Veränderungen im Verhalten der Werkzeugmacher liegt da natürlich nahe“, meint EVA-Forscher Jean-Jacques Hublin. Genau solche modernen Steinwerkzeuge aber fanden die Forscher auch bei den Gazellenjägern im heutigen Marokko.

Wie aber waren diese frühen modernen Menschen damals in den Nordwesten Afrikas gekommen? Eine Antwort auf diese Frage geben die Klimaforscher. Nach deren Analysen war die Sahara vor rund 120.000 Jahren und vor mehr als 300.000 Jahren viel feuchter als derzeit. „Damals gab es in der Sahara riesige Seen und eine Savanne, auf der ähnlich wie heute in Kenia Akazien-Bäume wuchsen und große Herden von Gazellen, Zebras und Gnus grasten“, schildert Jean-Jacques Hublin die Landschaft dieser Epochen. Das ist aber genau das Land, in dem die Wiege der modernen Menschen stand und in der die Steinzeitjäger Beute machten. In diesen Zeiten konnten sie also problemlos durch die sonst kaum zu überwindende Sahara reisen. Und so ohne Schwierigkeiten bereits vor 300.000 Jahren auch den Nordwesten Afrikas besiedeln.

Von dort wäre es über die Straße von Gibraltar ein Katzensprung nach Europa gewesen. Waren diese frühen modernen Menschen also vielleicht auch nach Mitteleuropa gekommen? Hatten sie dort vielleicht sogar die Verwandtschaft oder die Nachkommen der Steinheimer Urmenschen-Frau getroffen? Jean-Jacques Hublin kann sich das kaum vorstellen. Schließlich war diese Linie schon einige hunderttausend Jahre gut in Europa etabliert und solche Neuankömmlinge, sollte es sie gegeben haben, dürften sehr schlechte Karten gegen die Alteingesessenen gehabt haben.

 

Bildunterschrift

Bild 1: Dr. Schannon McPharron diskutiert mit Grabungsleiter Dr. Abdelouahed Ben-Ncer über den Stand der Ausgrabungen. Über der blauen Schaufel kann man einen Schädel eines Steinzeitjägers erkennen.

Foto: MPI EVA, Leipzig

Bild 2: Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin deutet mit der Fingerspitze auf einen Schädel, den er am Djebel Irhoud in Marokko zum ersten Mal sieht.

Foto: Shannon McPherron, MPI EVA Leipzig

Bild 3: Diese Steinwerkzeuge vom Djebel Irhoud wurden in der gleichen Schicht wie die frühen Steinzeitjäger gefunden und sind mindestens 300.000 Jahre alt.

Foto: Mohammed Kamal, MPI EVA Leipzig

Bild 4: Das Gesicht der vor 300.000 Jahren lebenden Steinzeitmenschen unterscheidet sich kaum von heutigen Zeitgenossen, der blau eingefärbte Gehirnschädel wirkt deutlich archaischer.

Grafik: Philipp Gunz, MPI EVA Leipzig

 

 

Quellen:

 

Jean-Jacques Hublin, Abdelouahed Ben-Ncer, Shara E. Bailey, Sarah E. Freidline, Simon Neubauer, Matthew M. Skinner, Inga Bergmann, Adeline Le Cabec, Stefano Benazzi, Katerina Harvati, Philipp Gunz

New fossils from Jebel Irhoud (Morocco) and the Pan-African origin of Homo sapiens

Nature, 7 June 2017, DOI: 10.1038/nature22336

 

Daniel Richter, Rainer Grün, Renaud Joannes-Boyau, Teresa E. Steele, Fethi Amani, Mathieu Rué, Paul Fernandes, Jean-Paul Raynal, Denis Geraads, Abdelouahed Ben-Ncer, Jean-Jacques Hublin, Shannon P. McPherron

The Age of the Homo sapiens fossils from Jebel Irhoud (Morocco) and the origins of the Middle Stone Age

Nature, 7 June 2017, DOI: 10.1038/nature22335

 

Diskussionen mit Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung Human Evolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, sowie Professor an den Universitäten Leipzig und Leiden und Grabungsleiter am Djebel Irhoud in Marokko.