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Schreibwettbewerb 2018

An dieser Stelle werden hier nach und nach einige Beiträge des Schreibwettbewerbs 2018 veröffentlicht. Wir beginnen mit der Preisträgergeschichte der Kategorie Erwachsene von Evelyn Langhans aus Bonn

Vom unerwarteten Anblick einer Blume, vom guten Gefühl, gemeinsam etwas zu schaffen, und von der Schönheit

Eines Morgens, als die Steinheimer Urmensch-Frau aufwachte, sah sie ein Leuchten. Ein gelber Fleck schien hinein durch den schmalen Spalt zwischen den beiden Tierhäuten, die den Eingang des Zeltes bildeten, in dem ihre Familie noch selig schlief. Sie gähnte und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sie schlug die Tierhaut zurück. Eine Frühlingsblume. Erst spätere Generationen würden sie so nennen, doch davon abgesehen, dass sie noch keinen Namen hatte für das, was sie sah, freute sie sich genauso über den Anblick wie ihre Nachfahren in entfernten Jahrtausenden. Die Blume stand vor ihr in ihrer ganzen Pracht. Ihre Blüte strahlend gelb und üppig duftend. Eine tiefe Farbe, ein betörender Duft. Sie war die einzige Blüte weit und breit. Sie musste vor kurzem erst durch den Boden gestoßen sein, der noch eiszeitkalt war. Die Schneereste an den nahen Büschen zeugten davon.

In der Feuerstelle neben ihrem Zelt hatte am Abend zuvor das Feuer gelodert. Auch noch, als sie sich hingelegt hatten. Alle gleichzeitig. Die Dunkelheit hatte sie vollkommen umschlossen, sie waren müde gewesen von den Anstrengungen des Tages. Das Feuer brannte auch im Dunkeln weiter, es verscheuchte die wilden Tiere, wenn sie denn kamen. Es wärmte sie noch ein bisschen, als sie es sich im Zelt auf den Fellen der Tiere, die sie zuletzt erlegt hatten, gemütlich gemacht hatten. Die Nacht war gekommen und wieder gegangen, das Morgenlicht lud sie nun ein, den neuen Tag zu entdecken. Sie nahm die Einladung an. Sie stand gern früh auf, um den Tag zu begrüßen. Erst recht, wenn sie von etwas so Schönem überrascht wurde, wie an diesem Morgen.

Die Urmensch-Frau wusste: Der Tag musste gut werden, wenn der Morgen so begann. Die Sonne kroch langsam am Himmel hoch, sie wärmte deutlich. Wie anders sah alles aus, wenn es von der Sonne beschienen wurde. Das sollten auch ihre Kinder sehen und ihr Mann. Doch sie schliefen noch immer tief und fest. Sie war auch sonst die erste, die aufstand. Um Wasser zu holen, um das Feuer zu machen, das Frühstück vorzubereiten, um alles so einzurichten, dass alle gern aufstanden. Das Leben als Urmensch-Frau in der Steinzeit konnte mühsam sein. Sie machte sich ans Werk. Die Familie ausschlafen lassen. Wenn sie es brauchte.

Erst vor kurzem waren sie in diese Gegend gekommen. Sie waren einer Herde von Springböcken gefolgt, die ihnen einen vollen Magen versprachen. Nur Beeren und Früchte reichten nicht aus. Auch die Jagd war lebenswichtig für sie. Ihr Zelt hatten sie an einem Baum befestigt, er gab ihm Halt. Aus Fellen und Blättern hatten sie es gebaut. Alles selbst gesammelt, aus eigener Beute. Unten am Fluss, dem Wasser ganz nah, das sie so dringend zum Leben brauchten. Sie hatten diesen lieblichen Ort gefunden und würden bleiben, solange sie etwas zu essen fanden.

Nachdem sie alles vorbereitet hatte, winkte die Mutter die beiden Kinder heran, die eben schläfrig die Augen auftaten. Jetzt war es wirklich Zeit. Der Tag war nicht dazu da, um verschlafen zu werden. Sie sollten zum Zeltausgang kommen: Schaut mal, der Frühling kommt. Erst spätere Generationen würden es so ausdrücken. Doch empfand sie es ähnlich. Es war kalt gewesen, solange sie sich erinnern konnte. Sie befanden sich schließlich in einer Eiszeit. Doch sie spürte, dass es sich änderte. An diesem Tag fing es an. Genau jetzt. Es gab deutliche Anzeichen. Und sie waren dabei.

Schließlich robbten sich die Kinder zum Zeltausgang, noch immer müde, doch endlich imstande, die gelbe Blüte mit großen Augen zu bewundern. Ihr Mann blieb liegen. Sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie kroch zu ihm ins enge Zelt, beugte sich über ihn und fühlte sein Gesicht. Er war tatsächlich krank geworden. Er hustete seit dem Vortag. Sein Gesicht war mehr als warm. Es war heiß. Er hatte Fieber. Er schaute sie aus trüben Augen an. Sie sah, dass es ihm schlecht ging. Die Freude um die Blume wich der Sorge um ihn. Sie überlegte. Er musste sich schonen. Einfach im Zelt bleiben, sich ausruhen. Er würde nicht losgehen können, um zu jagen und zu sammeln. So musste sie es machen. Sie würde es ohne ihn schaffen müssen. Seine Aufgabe mit übernehmen. Warum nicht? Er war es, der meistens zur Jagd ging, während sie die Beeren und Früchte sammelte. Arbeitsteilung. Heute würde sie alles machen, weil er krank war. Man musste füreinander einstehen. Selbstverständlich. Nicht umsonst waren sie eine Familie. Sie würde es schaffen. Zusammen mit der Tochter, die groß genug war für diesen Plan. Sie schaute nach draußen, sah wieder die Blume, ihre Freude kam zurück mit der Zuversicht über ihren Entschluss. Ja, so wollte sie es machen. Auch Minze würden sie finden und andere Heilkräuter für ihn. Er würde schnell gesund werden.

Sie nahm den guten Holzspeer mit der Steinspitze, die ihr Mann persönlich gefertigt hatte. Ihre Tochter war jetzt hellwach. Sie spürte das Abenteuer, das auf sie wartete. Nur eine Hand voll Beeren zum Frühstück. Dann zogen sie los. Der Sohn blieb beim Vater. Auch er zufrieden mit dem Plan für den Tag. Es würde ihm gefallen. Zeit mit dem Vater. Nur sie beide. Das machten sie viel zu selten. Er brachte ihm ein paar getrocknete Früchte und etwas Wasser. Es wurde ein besonderer Tag. Einer, den sie so schnell nicht vergessen würden.

Mutter und Tochter erklommen den Hügel, nachdem sie eine Weile flussabwärts gelaufen waren. Die Sonne stand nun senkrecht am Himmel. Heilende Kräuter hatten sie schnell gefunden. Sie beide im Gleichschritt. Sie begegneten einem Wildpferd. Guten Tag, dachten sie, oder etwas Ähnliches. Das Pferd schaute scheu zurück, als ob es sich fürchtete. Wo war seine Herde? Sie ließen einander in Ruhe. Ein Wildpferd wollten sie nicht erlegen, eine kleinere Beute würden sie brauchen. Ein Springbock durfte es sein. Von der Anhöhe sahen sie weit über das Land. Sie hielten Ausschau nach der Springbock-Herde, die sie in der Gegend entdeckt hatten, bevor sie hier ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Plötzlich sahen sie Springbock-Spuren im lehmigen Boden. Und dann: da, in der Ferne, ganz deutlich die Tiere. Eine große Herde. Über dem Feuer gegrillter Springbock. Die Vorfreude auf das Abendessen machte sie mutig. Sie würden eines der Tiere erlegen.

Ein riesiger gelber Fleck direkt neben der grasenden Herde. Als sie näher kamen, erkannten sie es: Eine Wiese, über und über mit den gelben Blumen bedeckt, von denen ein Exemplar ihren Zelteingang zierte. Was für ein Anblick. Mit glänzenden Augen sahen sie sich lächelnd an. Nun bloß aufhören zu träumen. Als ob sie beide dasselbe dachten in diesem Moment. Jetzt würde die Arbeit beginnen. Obwohl sie nie zuvor gemeinsam gejagt hatten, gaben sie ein eingespieltes Team.

Sie schlichen sich an. Nur noch wenige Schritte. Langsam und lautlos durch das hohe Gras. Die Tiere unaufmerksam, konzentriert auf ihr Fressen. Das Mädchen ahmte die Tierlaute nach und lockte einen der Böcke weg von der Herde. Seine Neugier sollte ihm zum Verhängnis werden. Die Mutter hielt sich bedeckt und zielte im richtigen Moment mit dem Speer auf das Tier. Sie traf es am Hals. Blut schoss aus der Wunde. Es fiel sofort um. Die anderen Tiere der Herde hatten gespürt, dass etwas geschah. Sie flohen. Ihr Springbock. Er lag vor ihnen im Gras. Er musste nicht lange leiden. Schnell packten Mutter und Tochter das erlegte Tier an den Beinen und zogen es weg ins Unterholz. Unentdeckt bleiben. Distanz gewinnen. Wer weiß, wer sie beobachtete. Sicherheitsabstand. Sie hatten gut kooperiert und alles geschafft. An diesem Abend würden sie nicht mit leerem Magen in den Schlaf fallen. Ein kräftiges Mahl für ihren Mann. Davon würde er schnell gesund werden. Es schien ihr Glückstag zu sein. Jetzt nur noch den Rückweg schaffen.

Die Sonne neigte sich. Die Dämmerung zog auf. Was für ein Tag. Nur sie und ihre Tochter. Geballte Frauenpower. So ein gemeinsamer Ausflug schweißte zusammen. Sie sollten so etwas öfter machen. Und wie schön war es, dann am Abend nach Hause zu kommen, wo sie erwartet wurden. Sie hatten ein gutes Leben. An einem Tag wie diesem wusste es die Urmensch-Frau.

Sie näherten sich ihrem Lager. Der Vater saß neben dem Feuer auf einem Fell. Er sah sie von weitem und kam ihnen entgegen. Wenigstens auf den letzten Metern wollte er ihnen helfen. Auch ein Springbock hatte sein Gewicht. Sie ertastete sofort mit der Hand seine Wange. Seine Augen waren klarer geworden, sein Gesicht weniger heiß. Die Kräuter würden ihm gut tun. Dann das Abendessen. Noch viel vorzubereiten. Diesmal half ihr der Sohn. Er holte das Wasser vom Fluss. Sie nahmen den Springbock gemeinsam aus und entfernten sein Fell. Sie grillten das Fleisch über dem Feuer. So hatten sie es sich ausgemalt. Es duftete nach Holz und Fleisch. Zum Essen saßen sie alle am Feuer. Der Vater noch schwach. Zufrieden schaute er nach dem Essen in die Runde. Und nicht nur er. Es war dunkel geworden. Das Feuer wärmte. Zeit sich hinzulegen. Sie ging als letzte ins Zelt. Ihr Blick fiel auf die Blume neben dem Eingang. Die Schönheit. Ja. Sie war ihr an diesem Tag in Gestalt der Blume begegnet. Aber auch in anderen Dingen, wenn sie genau überlegte. Im Sonnenaufgang, den Bäumen, dem Wind, dem Fluss, den nahen Hügeln. Im Anblick ihrer Familie. So vieles barg diese Schönheit. Sie hatte sie gerade erst richtig entdeckt. Sie würde jetzt sorgfältiger auf sie achten. Jeden Tag.

Die Blume war ein bisschen gewachsen im Laufe der Stunden. Zufrieden legte sich die Urmensch-Frau neben ihre Kinder. Ihr Mann war schon eingeschlafen. Sein regelmäßiges Schnarchen erfüllte das Innere des Zeltes. Bald wäre er wieder gesund. Sie spürte es. Sie nahm seine Hand. Bald würden sie wieder alle zusammen losziehen können. Sie schloss die Augen, bereit in den Schlaf zu sinken. Draußen vor dem Zelt knisterte das Feuer und sie meinte zu spüren, wie sich in den Geruch von Holz und Glut der zarte Duft ihrer Blume mischte.