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Schreibwettbewerb 2018

Fünf wichtige Stunden im Leben der Steinheimer Urmenschfrau

An dieser Stelle werden nach und nach einige Beiträge des Schreibwettbewerbs 2018 veröffentlicht. Hier folgt nun das mit einem Sonderpreis bedachte Gedicht von Andreas Ruppel aus Bammental

Eines Morgens, als die Steinheimer Urmensch-Frau aufwachte, sah sie erst nur,

dass auf ihrem saftigen Graslager etwas

nicht so recht stimmte. Denn das Gras

war etwas zerwühlt.  Auch fehlte ein Drittel.

Es war daher kalt. Sie nahm ihren Fell-Kittel,

(der nicht genäht , sondern  mit Hasenknochen

geknöpft war – sie konnte in einem Steintopf kochen ,

was allerdings heutige Archäologen

nicht glauben und sagen,  das wäre gelogen)

und hüllte sich rein, begann nachzudenken

(das konnte sie gut, ohne ihr Hirn zu verrenken,

denn dies war schon groß, so etwa wie später

bei Cromagnons Lieschen und Cromagnons Peter).

 

Sie dachte also an die gestrige Fete.

Und während sie in der Glut Reste erspähte

von einer gegrillten Bisam-Ratte,

von der sie öfter Fleisch als vom Auerochs hatte,

da kam ihr aus dem Dunkel der Erinnerung

ihres Mannes und ihr eigener Freudensprung

über den guten Geschmack der Beilagen-Früchte

(die man heut´ als Obst kaum bezeichnen möchte),

die in der Herbstsonne noch nachgeweicht waren

(und sehr wahrscheinlich über einen Klaren

Obstler den Ursprung legten zur Co-Evolution

des Menschen mit Alkohol;  denn damals schon

war der Steinheimer Mensch mit seiner Frau

auf Genüsse aus  – und fast ganz genau

ist´s so noch 400 Tausend Jahre geblieben).

 

Die Urmenschenfrau also – morgens um 7 –

wachte auf mit einer Säbelzahnkatze

(denn Kater gab‘s ja noch nicht), und das Geratze

von ihrem Mann fehlte ihr dann eigentlich auch.

Sie war  alleine mit Katze und leerem Bauch

auf Grasbett, und die Welt war irgendwie

nicht normal, und schwankte wie noch nie

(die arme Urmenschfrau! Wie konnte sie wissen

dass zu viel Klaren am Abend  wird büßen müssen

der Mensch – egal ob in Steinheim oder Mauer;

später, als im Neolithikum Menschen Bauer

und Schnapsbrenner wurden, so echte Cromagnon,

und Katzen und Kater zum guten Ton

gehörten, da war die Erkenntnis gereift,

dass man besser nicht zu zu viel Klarem greift).

 

Die Urmenschen-Frau überlegte, so gegen 8,

wo wohl ihr Mann sei, und was er jetzt macht?

Vielleicht geht er zusammen mit ein paar Kollegen

auf Jagd, um einen  Braten zu erlegen?

vielleicht ist er auch am Bach bei den Lachsen

um nachzusehn, ob sie inzwischen schön wachsen

(heut sind wir viel schlauer, denn wir wissen,

dass sie stromaufwärts wandern müssen

und dann nicht mehr wachsen, sondern laichen,

auch wenn uns dabei trübe Gedanken beschleichen,

denn heute gibt‘s fast keine Lachse mehr).

 

In diesem Moment kommt der Mann wieder her

mit einem fetten Wels zur Freude seiner Frau,

denn dass sie Wels liebt, weiß er sehr genau

(wir heute haben – ach! – statt dessen nur

Pangasius-Wels aus ferner Aquakultur).

Sie liebt aber auch ihn, ihren Urmenschen-Mann,

mit dem sie zusammen so schön schmusen kann

und er liebt sie, liebt ihren breiten Mund

den er so gern immer wieder küsst und

liebt sie auch, weil sie so attraktiv rund

und im übrigen auch sehr gebildet ist

(Pflanzen, Samen!). Er hat sie heut´  morgen vermisst,

denn sie war einfach nicht wach zu küssen.

Worauf er hat ungeküsst auf Jagd gehen müssen.

(Da ergibt sich die Frage an Cromagnons heute:

Kennen wir sowas als zivilisierte Leute?)

 

Bei unserem Steinheimer Urmenschen-Paar

Wurde es 10 bis die Begrüßung erledigt war.

Die Frau hat inzwischen die Säbelzahn-Katze

überwunden. Dank ihres Mannes hat sie

gegen 11 auch keinen leeren  Magen mehr

und wünscht eine Siesta – von Herzen und sehr.

Zwar wärmt die beiden die Sonne inzwischen, jedoch

ist da das oben bereits erwähnte Loch

im Grasbett wo ein Drittel komischerweise

fehlt, und das Urmenschenpaar fragt sich leise,

wie das wohl kommt und ist urmenschlich still.

 

Da geschieht, was heute natürlich keiner glauben will:

Ein süßes,  keines Auerochskälbchen

schaut vorsichtig aus dem nahen Wäldchen

und schaut mit seinen runden Augen die Urfrau an:

Ob sie ihm nicht ersatzweise helfen kann,

denn seine Mama wurde von Pfeilen durchbohrt

(hier war dem Auerkalb –  nur des Reimes wegen

der Zeit weit voraus – nicht an der Wahrheit gelegen),

von Faustkeilen zerlegt  und über Feuer geschmort;

es selbst  hätte heute Morgen in seiner Notlage

vom Gras der Ur-Frau gefressen und ohne Frage

hätte es sie als liebevolle, freundliche  Mit-Kreatur

erlebt  (wir heute fragen ungläubig nur:

wie klappte da wohl die Verständigung

zwischen Frau und Kalb, und die Bändigung

des Jagdbedürfnisses vom Steinheimer Mann?

Wir glauben, dass nicht sein darf was nicht sein kann.

Doch wesentliche Begegnungen hat es gegeben

Seit eh und je im Tier- sowie  Menschenleben,

und wenn mit Unmöglichem real konfrontiert

merkt der Mensch, dass gerade Fortschritt passiert).

 

Die Steinheimer Urmenschen-Frau hatte ein weiches Herz.

Sie dachte an ihre Kinder mit Freude und Schmerz:
Von fünfen war ihr nur eines geblieben

und vier war‘n gestorben – alle tat sie lieben:

Eines kriegte Durchfall schon in den ersten Tagen,

sie musste es  tot auf dem  Arm und mit Trauer tragen.

Eines erwischte eine reale Säbelzahnkatze

mit ihrer scharfen Säbelkrallentatze.

Ein weiteres Kind kriegte  Husten und Pneumonie.

Das vierte –  ein Junge – kam nicht von der Jagd zurück – nie!

Ihr fünftes Kind  blieb ihre ganze und einzige Mutterfreude

(für uns – 400 Tausend Jahre später – heute

erscheint das fast unvorstellbar und gemein,

und doch ist dies das menschliche Sein,

umschrieben philosophisch als  „conditio

humana“.  Nur erscheint´s uns heut´ nicht so).

 

Nach diesem autobiographischen Reflektieren

beschließt die Urmensch-Frau:  Ich werd es probieren!

Sagt dies dem Kälbchen mit ruhigem Blick,

und dieses kommt näher, vorsichtig, Tritt für Tritt

und selbst der Steinheimer Urmenschenmann,

der seinen Augen nicht, aber seiner Frau trauen kann,

lässt diese unglaubliche Szene geschehen.

(Sie wird nicht in die Geschichte eingehen,

denn was sich nicht materiell belegen lässt

hält der Menschheitsgeist selten fest).

 

Die Uhr schlüge jetzt 12, hätte es sie gegeben.

Wir betrachten noch kurz das weitere Leben

unserer Steinheimer Urmenschenfrau.

Sie war jetzt 29, vielleicht nicht genau,

aber es blieb ihr dennoch ein lebendiges Jahr,

mit Freude an Kind, Mann (und das Kälbchen war

inzwischen groß, trotzdem vertraut) und Glück hatte sie:

denn ihre Ehe (wenn wir das so sagen wollen) kriselte nie,

denn ihre Jugend-Schönheit mit frischem Geist

blieb ihr erhalten (uns ist das meist

heute nicht mehr gegönnt in höherem Alter),

bis sie als ein blühender Schmetterlingsfalter

mit 30 plötzlich starb nach erfülltem Leben:

länger, als seinerzeit vielen andern gegeben .

 

Am Ende bleiben noch Fragen offen:

Hätte sie den Mauermer Adam getroffen:

hätte sie sich in ihn verliebt?

Und er in sie? Ob es das gibt?

Fragen wir stellvertretend doch einen Cromagnon –

Doch was versteht so einer von der Steinheimerin schon?

Von der Urmenschfrau gibt´s noch viel mehr zu berichten.

Genau das tun die vielen and´ren Geschichten.

 

Andreas Ruppel