Stammbusch statt Stammbaum

Schon zu Beginn der menschlichen Stammesgeschichte – vor rund zwei Millionen Jahren – hat es in Afrika verschiedene Urmenschen gleichzeitig gegeben. Drei davon sind bislang entdeckt: Homo rudolfensis, Homo habilis, Homo ergaster. Auch nach der Auswanderung aus Afrika sind neue Menschenformen auf anderen Kontinenten entstanden, das zeigt die jüngste Entdeckung des „Denisova“-Menschen. Er existierte vor rund 80.000 Jahren als dritte Menschart neben dem Neandertaler und dem Homo sapiens. Der einfache Stammbaum mit wenigen Ästen nach oben wird immer mehr zum Stammbusch mit vielen Querverbindungen.

Die DNA-Analyse eines kirschkerngroßen Stücks Fingerknochen aus Süd-Sibirien lässt unsere Stammesgeschichte komplexer erscheinen als früher angenommen. Schon 2008 im Altai-Gebirge ausgegraben, konnte der winzige Fund in den Folgejahren in Leipzig gründlich untersucht werden. Erstmals wurde hier eine neue Menschenart nur mithilfe von Genmaterial bestimmt und datiert. Benannt nach dem Fundort („Höhle von Denis“) machte der Denisova-Mensch im August 2012 Schlagzeilen. Denn die Reinheit der Knochenprobe hatte überraschend präzise Personendaten ergeben.

Im konkreten Fall handelt es sich um ein Mädchen mit braunen Haaren, braunen Augen, dunkler Haut. Dieser Mensch hat vor rund 80.000 Jahren gelebt, es handelt sich also um einen Zeitgenossen des Neandertalers. Doch während der Neandertaler im Westen Europas ausgestorben ist, hat sich der Denisova-Mensch auf die Wanderung nach Osten begeben, – bis hin nach Ostasien, wo er sich mit anatomisch modernen Menschen gepaart haben muss. Denn genetische Spuren des Denisova-Menschen können heute noch an Ureinwohnern Melanesiens, Australiens und Ost-Indonesiens nachgewiesen werden.

Zu Jahresanfang erläuterte Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie den Stand der Denisova-Forschung im Fernsehen (3 SAT, 17.1.2013). Dazu hatte Deutschlands bekanntester Paläo-Anthropologe, Friedemann Schrenk vom Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg, auch eine Schädelkopie des Homo steinheimensis mitgebracht. Der Steinheimer wurde als Beleg dafür vorgezeigt, dass regionale Mischformen auf dem verschlungenen Weg zum Homo sapiens keine Seltenheit sind. Am Fundort selber, in Steinheim an der Murr, ist Schrenk kein Unbekannter: Im Juli 2008 hielt er hier den Festvortrag anlässlich des 75. Fundjubiläums des Steinheimer Urmenschen.

Ekkehard Jürgens

 

Quellen:

Johann Grolle: Denisova-Urmensch: Forscher entschlüsseln Erbgut unserer Vorfahren. In: Spiegel-Online Wissenschaft, 31.8.2012. (http://www.spiegel.de/mensch/denisova-urmensch-gen-analysen…)

Roland Knauer: Ein Fingerknochen voller Geschichte. In: Stuttgarter Zeitung, 31.8.2012.

Matthias Meyer u.a.: A High-Coverage Genome Sequence from an Archaic Denisovan Individual. In: Science, 12.10.2012, Vol. 338, pp.222-226. (http://www.sciencemag.org/content/338/6104/222.abstract)

Gerd Scobel: Evolutionäre Anthropologie (Diskussions- und Dokumentations-Sendung). In: 3SAT, 17.1.2013. (http://www.3sat.de/scobel)

Reinhard Ziegler: Eine neue Menschenart aus dem Altai-Gebirge? In: Naturwissenschaftliche Rundschau, 63. Jahrgang, Heft 5 (2010), S.257-258.

Ohne Verfasser: Denisova-Mensch. In: Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Denisova-Mensch), S.1-10.