Standardwerk zum Steinwerkzeug

In Tübingen hat der Prähistoriker Harald Floss einen Sammelband herausgebracht, der Steinwerkzeuge aus aller Welt und von den frühesten Anfängen an thematisiert. Auch der umstrittene „Steinheimer Faustkeil“ kommt darin vor.

 

„Steinartefakte“: So knapp bringt der Buchtitel auf einen Nenner, was 45 Fachautoren in 82 Spezialbeiträgen zusammengetragen haben. Kein Aspekt, der sich zur Schlüsseltechnologie der Steinzeit denken lässt, wurde ausgelassen. Woher stammen die Rohmaterialen für die verschiedenen Werkzeuge? In welchen Arbeitsschritten wurden sie bearbeitet? Wie lässt sich die Vielfalt der Formen nach Fundort und Entstehungszeit systematisieren? Und schließlich: Für welche speziellen Funktionen wurden die Werkzeuge gebraucht? Das sind die wichtigsten Fragen, die die Wissenschaftler für die letzten zweieinhalb Millionen Jahre untersuchen – „vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit“, so der Untertitel.

Im Aufsatz „Faustkeile“ von Jean-Marie Le Tensorer kommt auch ein Gerät aus Kalkstein zur Abbildung (vgl. Floss 2012, S.213), das 1960 neben zahlreichen anderen „Artefakten“ in einer Steinheimer Kiesgrube gefunden wurde (vgl. Itermann 1962). Als diese Fundstücke Anfang der 1970er Jahre in Steinheim ausgestellt werden sollten, wurden sie einer ungewöhnlich scharfen Kritik von Karl Dietrich Adam unterzogen: Es handele sich um falsch bewertete „Pseudoartefakte“, d.h. von der Natur geformte „Gerölle“ und nicht vom Menschen bearbeitete „Geräte“ (vgl. Adam 1973, S.7). Seitdem finden die fraglichen Stücke keine Beachtung mehr. Vielleicht gibt der aktuelle Forschungsstand, wie er jetzt von Harald Floss dokumentiert ist, noch einmal Anregung, die alte Frage „Geröll oder Gerät“ erneut zu untersuchen?

Ohne ausdrücklich Bezug auf den Steinheimer Urmenschen zu nehmen, werden im vorliegenden Sammelband am Beispiel des Heidelberger Urmenschen vergleichbare Erkenntnisprobleme angesprochen. Lutz Fiedler, viel zitierter Experte für die ältesten Werkzeugkulturen in Deutschland, widmet sich der schwierigen „Unterscheidbarkeit zwischen Artefakten und Geofakten“ (Floss 2012, S.153 ff.). Artefakte sind Steine, deren Kanten vom Menschen absichtsvoll geschärft und zugespitzt wurden, z.B. durch Bearbeitung mit einem anderen Stein. Geofakte sind Steine, die von Natur aus angestoßen und angeschlagen wurden, z.B. beim Transport in fließendem Wasser. Bezogen auf die „Heidelberger Kultur“ teilt sich die Wissenschaft in zwei Lager: Einerseits werden verschiedene Sandsteinstücke, die man im alten Neckarbett bei Mauer ausgegraben hat, als Werkzeug des Homo heidelbergensis gedeutet; anderseits verwerfen Kritiker dieselben Fundstücke als wertloses Geröll.

Gerade an diesem Beitrag zeigt sich, dass in dem fast 1000seitigen Werk nur eines fehlt: ein Schlagwort-Verzeichnis am Schluss. Ein solches Register der Fachbegriffe und der Fundorte würde den gezielten Zugriff auf Informationen erheblich erleichtern („Nachschlagewerk“). Dieses Defizit könnte in einer zweiten Auflage behoben werden. Doch schon in der Erstauflage ist eines klar: Dies ist das in Deutschland umfangreichste und detaillierteste Standardwerk zum Thema Steinzeitwerkzeug, – ein Kompendium, das Maßstäbe setzt für Jahrzehnte.

Ekkehard Jürgens

 

Literaturtipp:

Harald Floss (Hrsg.): Steinartefakte. Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012.

Zum umstrittenen Steinheimer Faustkeil:

Johann Itermann: Ein Faustkeil des „Homo steinheimensis“. In: Eiszeitalter und Gegenwart, Bd. 13, S.19-23, Öhringen 1962.

Karl Dietrich Adam: Die „Artefakte des Homo steinheimensis“ als Belege urgeschichtlichen Irrens. In: Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde, Serie B, Nr.6, S.1-99, Stuttgart 1973.

Michael Baales u.a.: Natur oder Kultur? Zur Frage der ältestpaläolithischen Artefakt-ensembles aus Hauptterrassenschottern in Deutschland. Sonderdruck aus: Germania 78, 1.Halbband, S.1-20, Mainz am Rhein 2000.