mammuthus_kiwit1 30Steinheimer Steppenelefant (Gemälde R.Kiwit, SMNS)beginn der exkursion vor dem schloss rosenstein.jpgBeginn der Exkursion vor dem Schloss Rosensteinblick vom alten rosensteintunnel.jpgBlick vom alten Rosensteintunnel in Richtung Bad Cannstatttravertin aufschluss.jpgTravertin-Aufschluss Heinrich-Ebner-Straße mit Löss (oben) und Auelehm (unten)anlage am uffkirchhof mit abguessen von mammut resten der grabung von 1700.jpgAnlage am Uffkirchhof mit Abgüssen von Mammut-Resten der Grabung von 1700mombachquelle.jpgMombachquelle, die einzige der Cannstatter Mineralquellen, die in einem natürlichen Quell- topf zutage trittauf einem maechtigen sockel aus travertin.jpgAuf einem mächtigen Sockel aus Travertin – darüber steht Löss an – thront die Villa Laustermammut fundstelle von 1993 zwischen wildunger und kissinger strasse inmitten der wohnbebauung.jpgMammut-Fundstelle von 1993 zwischen Wildunger und Kissinger Straße inmitten der Wohnbebauungmammut fundstelle von 1993 zwischen wildunger und kissinger strasse inmitten der wohnbebauung2.jpgMammut-Fundstelle von 1993 zwischen Wildunger und Kissinger Straße inmitten der Wohnbebauung2

Exkursion in Stuttgart-Bad Cannstatt

Exkursion in Stuttgart-Bad Cannstatt zu Fundstellen fossiler Elefanten aus dem Eiszeitalter, insbesondere zu den Travertinsteinbrüchen Lauster und Haas

 

Text und Fotos von Kurt Dreher, Mitglied im Förderverein Urmensch-Museum Steinheim e.V.

Durchsicht und Faktencheck Thomas Rathgeber, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart und Mitglied im Förderverein Urmensch-Museum Steinheim e.V.

 

In einer Dichte, die sonst im Land nirgends gegeben ist, liegen links und rechts des Neckars im Stadtgebiet von Bad Cannstatt Fundstellen aus verschiedenen Abschnitten des Eiszeitalters eng beieinander. Insbesondere die gefundenen Tierreste, die sich zum überwiegenden Teil in den Sammlungen des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart befinden, lassen erkennen, dass die mindestens 10.000 und bis zu 800.000 Jahre alten Ablagerungen sowohl aus Warm- als auch aus Kaltzeiten stammen. Der älteste Fund kam bereits 1600 zu Tage, weitere im Jahr 1700 und die neuesten wurden erst in den letzten Jahrzehnten geborgen. Immer wieder waren darunter auch Zeugnisse für die Anwesenheit von Urmenschen im Cannstatter Raum.               (Text: Th. Rathgeber)

 

Die Führung wurde auf Initiative und Einladung von Thomas Rathgeber, Präparator in der geologisch-paläontologischen Abteilung am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart sowie Mitglied des Fördervereins Urmensch-Museum Steinheim e.V., für die Mitglieder des Fördervereins und deren Freunde und für weitere Interessierte veranstaltet.

Nachfolgende Beschreibung der Exkursion beginnt am Schloss Rosenstein (Staatliches Museum für Natur­kunde Stuttgart). Interessierte können anhand der einzelnen Stationen individuell die zu gehende Strecke bestimmen bzw. die Exkursion eventuell in einzelnen Teilen begehen. Hilfreich zur Planung und Auffindung der beschriebenen Stellen ist die beigegebene Karte mit den dort einge­tragenen Wegepunkten von 1 bis 11 oder ein Ortsplan. Die Wegepunkte finden Sie im Verlauf der Strecken­beschreibung im Text wieder. Sie können die Strecke auch per GPS (Garmin GDB-Datei .gdb) begehen. Im Anhang sind die GPS-Daten hinterlegt (WASG84). Die Strecke ist 9,4 km lang. Je nach Aufenthaltsdauer bei den einzelnen Punkten benötigen Sie ca. 4 Stunden.

Zur Einstimmung empfiehlt sich ein Besuch des Naturkundemuseums im Schloss Rosenstein. Dort finden Sie ein fast vollständiges Skelett eines Waldelefanten, aufgestellt in „Lebendstellung“ aus originalen Knochen, die beim Kiesabbau im Jahr 1966 in der Nähe von Brühl bei Mannheim zutage kamen. Von der Wirbelsäule fehlt nur ein Halswirbel. Dieser gelangte nachträglich aus einem Nach­lass an das Staatliche Museum für Naturkunde in Stuttgart und liegt dort seither wohl verwahrt in Erwartung, bei einer Überarbeitung der Skelettmontage eingebaut zu werden.

Zeitliche Einordnung der Funde und klimatische Verhältnisse im Eiszeitalter

Das Eiszeitalter, das Pleistozän, ist eine erdgeschichtliche Periode, die vor ca. 2,6 Millionen Jahren begann und vor ca. 12.000 Jahren mit Beginn der bis heute andauernden Warmzeit, dem Holozän, endete. Diese lange Zeitspanne war geprägt von zahlreichen Klimaschwankungen, einem ständigen Wechsel von Warmzeiten und Kaltzeiten. In den Kaltzeiten bedeckten Eisschilde weite Teile des Festlands unter sich. So lagen während der letzten Kaltzeit, der Würm-Eiszeit (von ca. 115.000 bis 12.000 Jahre vor heute), selbst weite Gebiete von Norddeutschland unter einem Eispanzer. Die Nordsee existierte damals nicht, man hätte trockenen Fußes von Frankreich nach England gelangen können. Im Eis war so viel Wasser gebunden, dass der Meeresspiegel maximal 100 m tiefer lag als heute. Auch die Alpengletscher drangen weit nach Norden vor und hinterließen bis heute sichtbare Spuren im Alpenvorland. Die Kaltzeiten des Pleistozäns dauerten zwischen 100.000 und 130.000 Jahre. Die zwischen den Kaltzeiten liegenden Warmzeiten waren deutlich kürzer; während der Warmzeiten herrschte gemäßigtes bis warmes Klima.

In der letzten Kaltzeit erstreckte sich eine weite Tundra-ähnliche Landschaft, die Mammut-Steppe, von den Pyrenäen bis nach Osteuropa und über große Teile Asiens. Diese Landschaft bot ideale Lebensbedingungen für Mammut, Wildpferd, Fellnashorn, Rentier, Riesenhirsch, Steppenbison und Moschusochse, aber auch für Höhlenbär, Höhlenlöwe und Höhlenhyäne. In der zeitlich davor liegen­den letzten Warmzeit, der Eem-Warmzeit (vor ca. 130.000 bis 115.000 Jahren), hatten im selben Großraum, der vor allem durch Laubwälder gekennzeichnet war, zeitweise Waldelefant, Wald- und Steppennashorn, Flusspferd, Wildschwein, Reh, Dam- und Rothirsch sowie Auerochse eine weite Verbreitung.

Beginn am Schloss Rosenstein

Württembergs zweiter König, König Wilhelm I., war ein baufreudiger Monarch. Zu seinen bedeuten­den architektonischen Hinterlassenschaften gehört – neben der nach ihm benannten „Wilhelma“ und der Grabkapelle auf dem Rotenberg – das Schloss Rosenstein. Beim Bau desselben, Ironie des Schicksals, stieß man 1823 auf Bad Cannstatts älteste Ablagerungen aus dem Eiszeitalter mit Tier­resten. Die Schotter stammen aus dem Altpleistozän vor rund 600.000 Jahren. Man fand in den 4-5 m mächtigen Rosensteinschottern Knochen von Steppenelefant, Etruskischem Nashorn, Süßenborner Pferd, Rot­hirsch und Steppenbison. Erwähnung verdienen auch die 1988 beim Bau des Bärengeheges der „Wilhel­ma“ in denselben Schichten gemachten Funde vom Grasfrosch und von Fischen, nämlich von Hecht, Rotauge, Döbel, Karpfen, Flussbarsch, Rotfeder, Ukelei und Schleie.

 Beginn der Exkursion vor dem Schloss Rosenstein

 

Nach einem Zeitungsbericht in der Schwäbischen Chronik von 1823, S.217 hatte man

„… seit einigen Wochen auf dem Kahlenstein mehrere Mammutknochen von außer­ordentlicher Größe ausgegraben, die dem größten Teil nach von Einem Tier zu sein scheinen, jedoch nicht mehr zusammen hängen, sondern zerstreut unterlagert ge­
funden wurden.“

Aus Notizen von Fritz Berckhemer:

„Ein Stoßzahn, mehrere Rückenwirbel und Rippen, ein großes Stück vom Becken, ein Backenzahn und einige Bruchstücke vom Hinterhaupt wurden ausgegraben, dazu ein weite­rer Stoßzahn von 7 ½ Fuß Länge (2,74 m) und 1 Fuß Durchmesser (28,6 cm). Alle diese Knochen fanden sich in einem mit Flusssand vermengten „Leimen“ 17-18 Fuß (4,86 m-5,15 m)unter der Oberfläche des Berges und 82 Fuß (23,45 m) über dem Neckarspiegel.“

Alter Rosensteintunnel (Plattform über dem Ostportal, Wegepunkt 1)

 Blick vom alten Rosensteintunnel in Richtung Bad Cannstatt


Nach wenigen hundert Metern kommen Sie an die Stelle des alten Rosensteintunnels. Ein Blick hin­unter in die frühere Tunneleinfahrt lohnt sich. Hier fuhr 1846 zum ersten mal die Eisenbahn von Esslingen nach Stuttgart. Man meint, am Tunnelbogen noch die Rauchspuren der alten Dampfloks zu erspähen. Am anderen Ende ist der Tunnelzugang heute überbaut. Erkundungen haben ergeben, dass der Tunnel kein Überwinterungsquartier für Fledermäuse ist, vermutlich, weil es darin zu warm ist für die Tiere.

Gelände der ehemaligen Trafounion (heute Einkaufszentrum „Cannstatter Carée“, Wegepunkt 2)

Bei Erdaushub- und Baugrundsanierungsarbeiten kamen auf dem Gelände der ehemaligen AEG (Transformatoren-Union) entlang der Deckerstraße zwischen 1989 und 1995 aus Eem-zeitlichen Travertin-Schichten Funde aus dem Mittelpaläolithikum zutage. Etwa 100 Steinartefakte, davon 70 % gebrannt, belegen die Rohstoffbearbeitung und Feuernutzung durch Neandertaler an dieser Stelle.

Neben einer großen Zahl unbestimmbarer Tierknochen konnte in dem von Amateurarchäologen übergebenen Fundgut zunächst nur Riesenhirsch, Rothirsch und Wildrind nachgewiesen werden. 2002 gelangten von einem anderen Sammler weitere, noch nicht publizierte Funde an das Staatliche Museum für Naturkunde, die die Nachweise von Rothirsch und Wildrind ergänzen, darüberhinaus gut erhaltene Knochen von einem Wildpferd sowie einen Backenzahn vom Steppenesel umfassen.

Heinrich-Ebner-Straße (Lehmgrube am Seelberg, Wegepunkt 3)

 Travertin-Aufschluss Heinrich-Ebner-Straße mit Löss (oben) und Auelehm (unten)

 

In der Nähe des als Naturdenkmal geschützten Aufschlusses, in dem ebenfalls Tierreste – sowohl warm- als auch kaltzeitliche – geborgen werden konnten, befand sich die „Leimengrube am Seel­berg“. Diese Fundstelle war durch eine Entdeckung im Jahr 1816 weithin bekannt geworden. Man hatte viele kaltzeitliche Tiere gefunden: Höhlenbär, Höhlenhyäne, Ren, Riesenhirsch, Steppenbison, Wildpferd, Fellnashorn, Mammut.

Im Jahre 1872 bereits beschrieb OSCAR FRAAS, der Stuttgarter Geologe, Paläontologe und Prähisto­riker, den Fossilreichtum des Cannstatter Lehms mit folgenden Worten:

Ringsum auf dem ganzen Felde, wo man nur ein Haus fundirt oder einen Brunnen gräbt, finden sich Mammuthreste.“

Einen besonderen historischen Rang erfährt diese Stelle durch folgende Begebenheit: Württembergs erster König, Friedrich I., war ein eifriger Sammler von Kuriositäten, Raritäten und allerlei sonstigem Sonderbarem. Jeglicher bedeutender Grabungsfund musste ihm mitgeteilt werden, so auch die Fun­de aus der Seelberger Lehmgrube. Seine besondere Aufmerksamkeit erregte dabei der Fund eines Haufens von Mammutstoßzähnen, 13 Stück an der Zahl. Sofort kam König Friedrich angereist und nahm die wirr aufgeschichteten Stoßzähne in Augenschein. Mit majestätischer Gewissheit bestimmte er, dass dieser Haufen nur von Menschenhand zusammengetragen worden sein konnte. Kein Wissen­schaftler wagte dem König zu widersprechen, doch war es für die damaligen Fachleute undenkbar, dass es zu jenen Zeiten bereits Menschen gegeben hatte. Folglich konnte nur ein Monarch eine solch unglaubliche Behauptung aufstellen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Durch wiederholte Besuche an der Fundstelle zog sich der König eine Lungenentzündung zu, an der er kurze Zeit später, am 30. Oktober 1816, verstarb. Der gesamte Haufen mit den Stoßzähnen kam in ursprünglichem Zustand in das Königliche Naturalienkabinett nach Stuttgart. Dort ist die Stoßzahngruppe in den Bombennächten 1944 zum großen Teil verbrannt. Bei Nachgrabungen im Jahr 1960 fand man in der Museumsruine an der betreffenden Stelle eindeutige Steinwerkzeuge von Mammutjägern der jün­geren Altsteinzeit. So hat also König Friedrich I. posthum doch noch Recht bekommen.

„… berühmt wurde die Ausgrabung am Seelberg im October 1816; die einzig in der Welt vorhandene Zahngruppe, in welcher 13 Stoßzähne von Mammuth, 8 Backenzähne neben Zähnen und Knochen vom Pferd nebeneinander liegen. … Veranlassung zu diesen Arbeiten hat Memminger gegeben, der in jener Gegend nach Spuren römischer Niederlassungen suchte und Anfangs der Meinung war, von Römerhänden verscharrte Elephanten-Cadaver vor sich zu haben. … Mit hohem Interesse hatte König Friedrich die Sache erfasst, er commandirte zu den Grabarbeiten Militär und war selbst fast täglich auf dem Platz. Bekannt ist, dass der Besuch des Seel­bergs sein letzter Ausgang war, bei dem er, in­folge Erkältung auf dem nassen Boden sich die tödliche Krankheit zuzog.“      Oscar Fraas (1865, S. 3-4)

Mammut-Reste und Spuren von Urmenschen zwischen Wildunger und Kissinger Straße (Fund­bergung 1993, Wegepunkt 4)


 
Mammut-Fundstelle von 1993 zwischen Wildunger und Kissinger Straße inmitten der Wohnbebauung

Im Winter 1992/93 hatte man für die Tiefgarage einer Wohnanlage eine über 5 m tiefe Baugrube ausgehoben. Dabei waren Knochen angeschnitten worden, die zwei junge Arbeiter aber erst Anfang Februar erkannt und weitergemeldet haben. Bei einer daraufhin angesetzten Grabung konnten Mitarbeiter des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart noch wenige Knochen und einen großen Stoßzahn von einem Mammut freilegen und bergen. Schon bei der Ausgrabung zeigte es sich, dass vor allem die Enden der Langknochen von Raubtieren verbissen waren.

Eigentümlich war die Lagerung der Stücke: drei größere Skelettteile, darunter ein fast vollständig erhaltener Oberschenkelknochen, überdeckten sich gegenseitig und wurden von dem am oberen Ende noch in einem Rest des Kieferknochens steckenden, schweren Stoßzahn fixiert. Dicht beim Kiefer lag ein Stück eines Mammut-Backenzahns, und in der Nähe der Stoßzahnspitze fanden sich als einzige weitere Säugetierreste zwei kleine Knochensplitter. Als große Überraschung wurde während der Bergung inmitten der Mammutreste auch ein Werkzeug von Urmenschen, ein aus Muschelkalk geschlagener Faustkeil, entdeckt (siehe verkleinerte Planskizze).

Nichts deutet darauf hin, dass hier einst ein ganzes Mammut eingelagert wurde. Für das Anhäufen von Stoßzahn und Knochen dürften – wie auch in früheren Fällen – Menschen verantwortlich gewesen sein. Was sie damit bezweckt haben, wissen wir nicht. Der Fund ist zu unvollständig, denn vermutlich sind schon vorher, beim Ausbaggern der Baugrube weitere Knochen verloren gegangen. Nur nach Westen hin konnte von den Mitarbeitern des Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart die Böschung noch unter erheblichen Gefahren ein Stück abgetragen werden, ohne dass allerdings dabei etwas Bemerkenswertes zutage kam.

Die Funde waren in einer mit Geröllen, Travertinbrocken und weiteren großen Steinen durchsetzten Fließerde eingeschlossen, die stellenweise auch massenhaft Löss-Schnecken enthielt. Leider kann diese 5,3 m-5,6 m unter der Oberfläche liegende Fundschicht nicht genau datiert werden. Der Faustkeil jedenfalls fordert eine Stellung ins Mittelpaläolithikum, also mindestens in die frühe Würm-Kaltzeit (ca. 50.000 bis 100.000 Jahre). Ein noch höheres, Riss-zeitliches Alter kann aber nicht ausgeschlossen werden. (Text: Th. Rathgeber)

„Feld bei der Uffkirche“ (vor dem Uffkirchhof, Wegepunkt 5)

Die Uffkirche, 1506 erbaut, gilt als die älteste Kirche Stuttgarts. „Auf dem Feld bei der Uffkirche“, ver­mutlich zwischen Uffkirche und dem heutigen Kurpark, entdeckte ein Grenadier am 1. April 1700 bei Schanzarbeiten große Knochen sowie Elfenbein. Den Fund meldete er umgehend an den Hof von Herzog Eberhard Ludwig (1693-1733). Es war jener Herzog, der 1704 den Bau von Schloss Ludwigs­burg begann und Ludwigsburg 1718 zu seiner einzigen Residenz erhob. Dieser Herzog nun unterhielt eine Hofapotheke, in die das geborgene Elfenbein – ca. 60 Mammut-Stoßzähne – gebracht und zu Pulver zermahlen wurde. Die mitgefundenen Knochen, darunter ein Schädeldach eines Menschen, und die anderen Zähne kamen in die Herzogliche Kunstkammer. Das kommerzielle Interesse des Herrschers überwog noch das wissenschaftliche, denn zu jener Zeit wurde Elfenbein mit Gold aufge­wogen. Elfenbeinpulver soll nämlich die Eigenschaft haben, im Magen Gift zu binden. Das war zu Zeiten höfischer Intrigen wichtig, da man befürchten musste, dass ein Gastmahl vergiftet war.

 Anlage am Uffkirchhof mit Abgüssen von Mammut-Resten der Grabung von 1700

 

Das besagte Schädeldach erlangte 1882 in Fachkreisen großes Aufsehen, als französische Wissen­schaftler darauf die vermeintlich älteste Menschenrasse, die „Race de Canstadt“, begründeten. Heute weiß man, dass der bedauerlicherweise im 2. Weltkrieg in München zerstörte Knochen von einem anatomisch modernen Menschen aus der jüngeren Altsteinzeit stammte, also aus der späten Würm-Kaltzeit.

Ehemalige Villa Seckendorff (Freiligrath-Straße/Wiesbadener Straße, Wegepunkt 6)

Beim Bau eines Altenheims im Jahre 1957 wurde beim Aushub der Baugrube Travertin angeschnit­ten. Besonders bemerkenswert war an der Westseite der Baugrube die Füllung einer Hyänenhöhle. In dieser fand man Reste vieler Kleintiere, die für Steppenphasen in der frühen Würm-Kaltzeit typisch sind, außerdem neben Raubtieren die Reste von Mammut, Fellnashorn, Wildpferd, Rot- und Riesen­hirsch, Ren und Steppenbison. Besonders bemerkenswert sind unter den Großsäugern der seltene Wildesel, ebenfalls ein Steppentier, und unter den Kleinsäugern der Pferdespringer, dessen Ver­wandte heute in den Steppen West- und Innerasiens leben; der etwa Hasen-große Pferdespringer bewegt sich bei schneller Flucht nur auf seinen Hinterbeinen hüpfend fort. Diese beiden Steppentiere sind Zeugen eines eher trockenen als kalten Klimas.

An einer anderen Stelle der Baugrube wurde ein zuvor unbekannter Stollen angeschnitten, ein Hohlraum, der vermutlich während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt worden war. Zwischengelagert im Travertin fanden sich nämlich in Cannstatt örtlich mächtige Lagen von Ocker, einer Eisenverbindung, dessen unterirdischer Abbau zu Herstellung von Farben zeitweise offen­sichtlich lohnend war.

 

Cannstatter Mineralwasser bzw. Mineralquellen (Kurpark über dem Kursaal, Wegepunkt 7)

Die nächste Station – im Cannstatter Kurpark hoch über dem Kursaal gelegen – gilt den in der Umge­bung gefassten bzw. erbohrten Mineralquellen (Wilhelmsbrunnen/Daimlerquelle) und dem unten hinter den Gebäuden anstehenden Travertin. Der Name Travertin wurde abgeleitet von Tivoli, einer Stadt ca. 30 km östlich von Rom, wo an den dortigen Wasserfällen mächtige Kalktuffmassen (Süß­wasserkalke) abgeschieden wurden. Travertin war der Baustein Roms.

Der Travertin in Bad Cannstatt wird auch Sauerwasserkalk genannt. Dieser Name deutet bereits auf seine Herkunft hin, denn der Travertin wurde von „Sauerwasser“ mit hohem Mineralgehalt abge­schieden. Sobald das Sauerwasser an der Oberfläche austritt, entgast Kohlensäure, die zuvor unter Druck im Wasser gelösten Mineralien lagern sich in Schichten ab und werden im Lauf der Zeit zu einem festen Gestein. Die braun- bis ocker-gelbe Färbung des Travertingesteins stammt von einge­lagerten Eisenmineralien.

Von den Niederschlägen fließt bekanntlich nur ein geringer Teil oberflächlich als Rinnsal, Bach oder Fluss ab. Es hängt von der Durchlässigkeit des Bodens ab, wie viel vom Niederschlag in ihn eindringt, gespeichert wird und ggf. wieder verdunstet oder evtl. im Untergrund versickert. Man hat festge­stellt, dass das Einzugsgebiet der Cannstatter Mineralquellen westlich von Stuttgart, im Strohgäu um Gärtringen, Sindelfingen und Malmsheim liegt. Dort ist das anstehende Gestein, der Obere Muschel­kalk, stark zerklüftet und verkarstet, so dass das Niederschlagswasser besonders leicht eindringen kann. Von dort aus, ca. 30 km entfernt, braucht das Wasser 15 bis 20 Jahre, ehe es in Cannstatt in den Mineralquellen wieder zu Tage tritt. Auf dem Weg zu seiner Austrittsstelle nimmt das Wasser viel Kalk und, je nach Fließtiefe, unterschiedliche Mengen an weiteren Mineralien auf. Erst im Tal­kessel und vor allem in der Nähe der Mineralquellen kommt Solewasser mit Gips und Steinsalz aus der Tiefe hinzu. Ein hoher Gehalt an Kohlensäure, der nicht nur von der Kalklösung, sondern zum Teil auch aus dem tieferen Untergrund stammt, gibt dem Mineralwasser seinen eigenen gewöhnungs­­bedürftigen Geschmack („Sauerwasser“). Von den 19 Cannstatter Quellen sind 11 als Heilquellen anerkannt.

Das Vorkommen der Quellen ist überwiegend an Verwerfungen und Klüfte im Untergrund gebunden. Das beherrschende Element ist der Fildergraben. Einige seiner Störungen verlaufen bei Bad Cannstatt und queren dort den Neckar. An den Störungen steigt das Mineralwasser nach oben, selbst im Bett des Neckars sind Mineralquellen nachgewiesen. Die Heilwirkung der Mineralwässer wurde bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert erkannt. Cannstatt entwickelte sich damals zu einem mondä­nen Kurbetrieb, erhielt aber erst 1933 den Zusatz „Bad“.

Auquelle (Neckartalstraße beim Mühlsteg, Wegepunkt 8)

Die gefasste Quelle ergießt sich als Wasserstrudel in einen gläsernen Hochbehälter. Die Quelle tritt mit natürlichem Druck aus 40 m Bohrtiefe und einer Temperatur von 15,6° aus. Sie entspringt dem Muschelkalk. Ihr Geschmack ist eher neutral, da sie kaum Salze mit sich führt. 1832 erbohrt, wurde die Quelle 1981 neu gefasst und hat seither ihr heutiges Erscheinungsbild. Die sichtbar ausfließende Wassermenge ist nur ein Teil der Schüttung. Das restliche Wasser der Auquelle wird in einen Behälter im Rosensteinpark gepumpt, wo es der „Wilhelma“ als Brauchwasser zur Verfügung steht.

 Mombachquelle, die einzige der Cannstatter Mineralquellen, die in einem natürlichen Quelltopf zutage tritt

 

Da er im Gelände vom Alfred-Reichle-Bad des Cannstatter Schwimmvereins liegt, ist der eigentliche Quelltopf nicht frei zugänglich. Man kann aber von außen hineinsehen. Der Abfluss der Quelle zieht sich durch eine Grünanlage hin. Im Wasser bemerkt man viele Bläschen, die vom hohen Gehalt an Kohlendioxid herrühren. Ein Stück bachabwärts sprudelt nochmals Quellwasser aus dem Untergrund, was man gut an Strudeln auf der Wasseroberfläche sehen kann.

Auf kürzestem Weg fließt der Mombach in seinen Vorfluter und ist damit wohl das kürzeste Fließge­wässer Stuttgarts. Die Quelltemperatur liegt bei 17°C. Die Hälfte der Schüttung wird über Druckerhö­hung dem Mineralbad Leuze sowie dem Hallenbad Cannstatt zugeführt.

Travertinsteinbruch Lauster (Wegepunkt 10)

Nur wenige Hundertmeter gehen wir linksseitig entlang der Neckartalstraße weiter bis zur Müllver­brennungsanlage. Zwischen den brückenartig die Straße überspannenden Bauwerken der Rauchgas-Wasch- und Entschwefelungsanlage befinden wir uns am Eingang zum Steinbruch Lauster. Sofort fallen uns 14 Säulen aus Travertin auf, welche parallel zur Neckartalstraße aufgestellt stehen. Diese wurden 1937 von der Stadt Berlin bestellt und waren für eine projektierte Anlage am sog. Mussolini-Platz der „zukünftigen Welthauptstadt Germania“ vorgesehen. Nach dem Kriege wurden die Säulen von der Firma Lauster zurückgekauft. Heute sind sie zusammen mit den Gebäuden im Steinbruch und den noch nicht abgebauten Travertinvorkommen ein Kulturdenkmal.

Die Einschlüsse von Pflanzen und Tieren in Form von Abdrücken und Knochen, ja sogar von Stein­werkzeugen von Urmenschen lassen auf ein hohes Alter des Gesteins schließen. Die Travertinvor­kommen im Neckartal sind während verschiedener Warmzeiten des Pleistozäns entstanden und reichen bis 500 000 Jahre zurück.

Knochen- und Zahnfunde aus dem in der Holstein-Warmzeit gebildeten Travertin der Steinbrüche Lauster und Haas stammen von Wolf, Braunbär, Höhlenbär, Dachs, Löwe, Waldelefant, Wald- und Steppennashorn, Wildpferd, Wildschwein, Dam- und Rothirsch, Ur und Steppenbison. Einmalige Funde sind ein mächtiger Schädel eines Waldelefanten und – aus einer anderen Schicht stammend – ein Waldelefanten-Skelett, bei dem sogar ein ganz selten gefundenes Stück vom Zungenbein erhalten ist; vermutlich hat sich das Tier hierher an das Wasser begeben, um zu sterben.

 Auf einem mächtigen Sockel aus Travertin – darüber steht Löss an – thront die Villa Lauster

 

Interessant sind die Werkzeuge von Urmenschen. Neben eingetragenen, meist nur wenig veränder­ten und als Schlagsteine benutzten Neckargeröllen sind es Schaber und scharfkantige Abschläge aus Hornsteinmaterial, die zum Aufschneiden und Zubereiten der Beutetiere dienten. Die Urmenschen lebten in Cannstatt vor ca. 300 000 Jahren; sie waren also möglicherweise Zeitgenossen des Homo steinheimensis, des Steinheimer Urmenschen.

Wichtig als Klimazeugen sind die gefundenen Panzer von Sumpfschildkröten, von denen einer sogar Eier enthält. Sumpfschildkröten brauchen nämlich trockene, warme Sommer mit mittleren Tempera­turen von 20°C und mehr im wärmsten Monat, damit ihre Eier zur Entwicklung kommen und die Jungen ausschlüpfen können. Andererseits überstehen die Tiere im Winter, im Schlamm vergraben, erhebliche Kälte. Dass in der Holstein-Warmzeit aber auch die Winter milder waren als heute, bezeu­gen Blattabdrücke und Früchte des Buchsbaums, der in Mitteleuropa unter heutigen Bedingungen nur in klimatisch begünstigten Gebieten ohne Hilfe des Menschen zur Ausbreitung kommt.

Es gibt nur wenige Fundstellen aus dem Eiszeitalter, deren Erforschung so detaillierte Auskünfte über die lebens- und erdgeschichtlichen Verhältnisse erbrachte wie die Cannstatter Travertinsteinbrüche. Einige der Funde aus den Cannstatter Travertinvorkommen sind im Staatlichen Museum für Natur­kunde Stuttgart, Museum am Löwentor, zu besichtigen.

Travertinsteinbruch Haas (Wegepunkt 11)

Wir gehen in der Neckartalstraße zurück und steigen beim Abzweig der Haldenstraße auf einer langen Steintreppe bergan. Oben kommen wir an den Anlagen des früheren Steinbruchs Schauffele vorbei. Nach Erreichen der Hartensteinstraße halten wir uns rechts und gelangen am „Maugennest“ vorbei zum Steinbruch Haas.

Hier wurden bei Grabungen des Landesdenkmalamts in den Jahren 1980-82 eine Unzahl von Stein­werkzeugen von Urmenschen sowie große Mengen von Knochen und Zähnen verschiedener Beute­tiere gefunden. Eine besonders bemerkenswerte Entdeckung war 1980 ein mächtiger Schädel eines Waldelefanten, dessen Bergung und anschließende Präparation besondere Methoden erforderte. Man kann im Steinbruch auch gut erkennen, wie der Travertin in großen Blöcken abgebaut wird.

Sie können nun den Steinbruch – in nordwestliche Richtung gehend – verlassen: Nach einigen hundert Metern kommen Sie in der Bottroper Straße zu einer Bushaltestelle des Stuttgarter Nah­verkehrs. Hier ist das Ende der Exkursion.

 

Nachweise (neben eigenen Aufzeichnungen, Infotafeln an den Fundstellen bzw. geologischen Auf­schlüssen, Homepage der Stadt Stuttgart):

Eiszeit – Kunst und Kultur (2009). Begleitband zur Großen Landesausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ im Kunstgebäude Stuttgart, 18. September 2009 bis 10. Januar 2010.

Geyer, O.F. & Gwinner, M.P. (1964): Einführung in die Geologie von Baden-Württemberg.

Rathgeber, Th. (2012): Mammut und Waldelefant in Bad Cannstatt – Exkursion zu Fundstellen aus dem Eiszeitalter. – 37 S., zahlr. Abb. u. Tab. (Exkursionsführer/Arbeitsunterlagen <Typoskript>). [Hier weitere Literaturnachweise]. Im Internet unter: < http://www.naturkundemuseum-bw.de/sites/default/files/forschung/user_86/cannstatt_exk-klein.pdf >

Schuhkraft, H. (2006): Kleine Geschichte des Hauses Württemberg.

Wagner, G. (1960): Einführung in die Erd- und Landschaftsgeschichte. 3. Aufl.

 

Exkursion Fossile Elefanten Bad Cannstatt.gdb