neandertalerbauwerke 30

Aus Tropfsteinen errichteten Neandertaler vor 176.000 Jahren diese einfachen aber sehr beeindruckenden Konstruktionen in einer Höhle im Südwesten Frankreichs Foto: Etienne Fabre, SSAC

Tropfsteine für Neandertaler-Bauwerke

176.000 Jahre alte Konstruktionen von Frühmenschen in Süd-Frankreich

Von Roland Knauer

Klein ist das Bauwerk der Frühmenschen nicht gerade: Mehr als zwei Tonnen wiegen die rund 400 Tropfsteine, aus denen sie vor vielen Jahrtausenden in der Bruniquel-Höhle im Südwesten des heutigen Frankreich relativ komplizierte Strukturen gebaut haben.

Nachdem der Eingang eingestürzt war, gruben Höhlenforscher erst 1990 einen engen, dreißig Meter langen Zugang in das Innere. 336 Meter tiefer im Inneren der Höhle entdeckten sie ein 6,7 Meter langes und 4,5 Meter breites Oval aus ganzen und verkürzten Tropfsteinen, das keineswegs natürlich entstanden sein konnte. Liegen doch gleich daneben ein zweiter Tropfstein-Kreis mit einem Durchmesser von gut zwei Metern und vier kleinere Strukturen. Vor allem aber sind 123 Tropfsteine von Feuern geschwärzt oder gerötet und neben einem stark verkohlten Bären-Knochen gibt es einige Spuren von Feuer. Diese Konstruktion im stockdunklen, hinteren Teil der Höhle konnte nur von Steinzeit- oder Frühmenschen gelegt worden sein. Welche Baumeister dort einst am Werk waren, kann nur eine Altersbestimmung klären, die Jacques Jaubert von der Universität in Bordeaux und seine Kollegen in der Zeitschrift Nature jetzt liefern.

Der Verdacht war schon Anfang der 1990er Jahre auf die Neandertaler gefallen. Damals hatten Forscher einen verkohlten Knochen aus der Fundstätte mit der Radiokarbon-Methode auf ein Alter von mehr als 47.600 Jahre bestimmt. Ein deutlich höheres Alter kann diese Methode zwar ohnehin kaum feststellen. Trotzdem reichte die Angabe, weil der moderne Mensch Homo sapiens damals in Westeuropa noch keine Spuren hinterlassen hatte. Sehr wohl aber lebten damals Neandertaler in dieser Region.

Von diesen sehr engen Verwandten des modernen Menschen blieb allerdings nicht viel mehr übrig als ihre Knochen samt ihrem Erbgut, sowie Werkzeuge und Klingen aus Stein und Knochen. Gegenstände aus Holz oder Kleidung aus Fellen überstanden den Zahn der Zeit dagegen kaum. Deshalb sind die Tropfstein-Strukturen in der Bruniquel-Höhle eine tolle Entdeckung. Wirklich überraschend kommen die relativ komplizierten Gebilde für Jean-Jacques Hublin jedoch nicht: „Wir wissen schließlich, dass Frühmenschen lange vor dem modernen Menschen recht komplexe Jagdmethoden und Technologien hatten“, meint der Frühmenschen-Forscher.

Bei rund der Hälfte der Tropfsteine hatten die Neandertaler die Spitzen und Enden abgebrochen, nicht einmal jeder zwanzigste Tropfstein war komplett. Offensichtlich hatten die Konstrukteure also Wert darauf gelegt, einheitliche „Bausteine“ mit einer Länge von rund 30 Zentimetern zu verwenden. Bei den kleineren Strukturen legten sie bis zu vier Lagen Tropfsteine übereinander. Ganz offensichtlich waren hier Baumeister planvoll an ihre komplexe Aufgabe herangegangen.

Irgendwann verließen sie die Höhle wieder, von der Decke tropfte wie immer Kalkwasser und überzog die Strukturen und die verbrannten Knochen langsam mit einer Kalkschicht. Als Jacques Jaubert und seine Kollegen nun das Alter dieser Kalkschichten direkt unter und direkt über den Konstruktionen der Neandertaler mit einer Uran-Thorium-Datierung genannten Methode bestimmten, erhielten sie auch das Alter der dazwischen liegenden Tropfsteine und Feuerreste: Die Neandertaler-Baumeister hatten sich vor rund 176.000 Jahren ans Werk gemacht. Das war zwar mitten in einer Eiszeit, allerdings in einer milderen Epoche, zeigen weitere Analysen.

Mit diesem Alter sind zwar die Baumeister geklärt, der Zweck ihrer Konstruktionen aber bleibt im Dunkeln. Vielleicht hatten die Neandertaler mit den Tropfsteinen verschiedene Bereiche für Kochen, Schlafen und Werkstatt voneinander abgetrennt und mit den Feuern für Licht und Wärme gesorgt? Oder die Strukturen dienten rituellen Zwecken? „Wenn sie eine symbolische Bedeutung hatten, ist es eine echte Herausforderung, den Zweck solcher Strukturen zu klären“, meint Jean-Jacques Hublin und erläutert die Schwierigkeiten mit einem Beispiel: Hierzulande weiß jedes Kind, dass ein rundes, rotes Schild mit einem weißen Querbalken „Einfahrt verboten“ bedeutet. Ein Neandertaler aber hat diesen Zusammenhang nie gelernt und könnte mit dem Verbotsschild vermutlich wenig anfangen. Genauso geht es uns vielleicht mit den Strukturen der Neandertaler.

 

 

Quellen

Jacques Jaubert et al.: Early Neanderthal constructions deep in Bruniquel Cave in southwestern France in Nature, Band 534, Seite 111 – 114 (02. Juni 2016)

Diskussionen mit Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung Human Evolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, sowie Professor an den Universitäten Leipzig und Leiden

 

Bildunterschrift

Aus Tropfsteinen errichteten Neandertaler vor 176.000 Jahren diese einfachen aber sehr beeindruckenden Konstruktionen in einer Höhle im Südwesten Frankreichs

Foto: Etienne Fabre, SSAC