Ufertier und Wasserläufer

Nur der Mensch geht „ständig“ auf zwei Beinen. Rückenschmerzen und Gelenkbeschwerden sind der Preis dafür. Es muss sich also gelohnt haben in der Evolution, sich so hochbeinig aufzurichten. Hierzu gibt es eine neue Hypothese, die bereits namhafte Mitstreiter hat: Am Zwang zum aufrechten Gang war möglicherweise das Wasser schuld. Mehr zur Entwicklung der Zweibeinigkeit beim Vormenschen hier.

Rund 200 Millionen Jahre benutzten die Säugetiere vier Füße zur Fortbewegung. Warum begannen ausgerechnet vor ca. 7 Milllionen Jahren die ersten Menschenaffen, auf nur zwei Beinen zu laufen? „Das Geheimnis des aufrechten Gangs“ hieß eine WDR-Dokumentation, die der Fernsehsender „Arte“ am 22.3.2012 ausstrahlte, – benannt nach dem gleichnamigen Buch des Berliner Evolutionsbiologen Carsten Niemitz. Dessen Hypothese: Der Schritt zum zweibeinigen Menschen ist dem Wasser zu verdanken.

Hier die Argumentation in Kurzfassung: Vor rund 10 bis 7 Millionen Jahren hat eine globale Abkühlung die großen Waldgebiete in Afrika schrumpfen lassen. Menschenaffen, die sich vorher mehr in den Bäumen als auf der Erde bewegten, siedelten zunehmend am Rand des Regenwaldes, in der Nähe von See- und Flusslandschaften. Obwohl sie nicht schwimmen konnten, gingen sie nun auch im Wasser auf Nahrungssuche. Der an Land noch wacklige aufrechte Gang stabilisierte sich über Generationen. Die besten Dauerläufer hatten die größten Überlebens- und Fortpflanzungschancen.

Schließlich bot die Zweibeinigkeit auch an Land neue Entwicklungsvorteile: Die Hände wurden frei für den Transport von Nachwuchs und Nahrungsmitteln und schließlich auch für die Herstellung von Werkzeugen. Das ist dann der Übergang vom „Südaffen“ (Australopithecus) zum Urmenschen.

Die Idee vom „Menschen als Ufertier“ ist noch eine umstrittene Hypothese. Doch der Afrika-Experte in der Paläontologie, Friedemann Schrenk, sieht darin einen überzeugenden Erklärungsansatz. Oft genug hat er – so seine Auskunft im Fernsehinterview – in Ostafrika Fossilien früher Vormenschen im Zusammenhang mit Wassertieren gefunden. Zumindest Fische und Schildkröten dürften auf dem Speisezettel gestanden haben. Archäologisch nachweisbar sind die ältesten Fressspuren an Fischfossilien allerdings erst seit 1,5 Millionen Jahren.

Wir sollten also nicht nur unser Menschenbild sondern auch unser Afrikabild korrigieren: Der Kontinent war nicht immer so wüst und heiß wie heute. Und noch bevor der Mensch als Savannenjäger auftaucht, müssen wir uns seine Vorfahren als Beutegreifer vorstellen, denen das Wasser oft genug bis zum Hals stand.