fundort preveli an der suedkueste kretas foto e. juergens 30

Urmensch zur See?

Bootsfahrten hatte man bislang allein dem Homo sapiens zugetraut. Seine Vorläufer sollten die Auswanderung aus Afrika nur auf dem Landweg geschafft haben. Doch Faustkeile, die auf der Insel Kreta gefunden wurden, stammen aus der früheren Altsteinzeit. Sie legen den Schluss nahe, dass schon der Frühmensch (Homo erectus) seetüchtig war.

Seit 2008 kommen an der Südküste Kretas, am Badeort Plakias und beim Kloster Preveli, merkwürdige Steinwerkzeuge zutage. Ihr Alter wirft für die Besiedlungsgeschichte des Mittelmeerraums neue Fragen auf. Den geologischen Schichten zufolge sind die kretischen Faustkeile, Kratzer und Schaber mindestens 130.000 Jahre alt. Von der Form und Funktion her gesehen gehören sie zur Kulturstufe des Acheuléen. Sie könnten damit sogar 700.000 Jahre alt sein und wären dem Heidelberger Urmenschen (Homo erectus) zuzuordnen.

2011 ging das griechisch-amerikanische Grabungsteam mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit – und machte weltweit Schlagzeilen. Denn wenn die beiden Altersbestimmungen richtig sind, muss auch die Geschichte der Seefahrt neu geschrieben werden. Bisher ist man davon ausgegangen, dass erst der Homo sapiens intellektuell fähig war, den Herausforderungen einer Bootsfahrt auf hoher See gerecht zu werden. Wie anders sollte der Mensch von Afrika nach Australien gelangt sein? Das war vor rund 60.000 Jahren, und auch wenn die Wanderung größtenteils über Land erfolgte, so ist das letzte Stück Weg nur übers Wasser zu bewältigen.

Für die Mittelmeerinseln ging man von einer viel jüngeren Besiedlung aus. Konkret auf Kreta ließen sich menschliche Spuren erst ab rund 6000 Jahre v. Chr. archäologisch nachweisen. Glatt polierte Steinäxte und Keramikfunde deuteten darauf hin, dass die ersten Siedler aus dem östlichen Mittelmeerraum kamen. Von dort brachten sie die Errungenschaften der Jungsteinzeit mit (neolithische Revolution): Ackerbau, Viehzucht, Handwerk. Nur ein paar Tausend Jahre später erhob sich auf dieser Grundlage jene großartige „minoische“ Palastkultur, so benannt nach ihrem legendären Herrscher Minos.

Mit den altsteinzeitlichen Werkzeugen von Plakias und Preveli wird eine ganz andere Vorgeschichte denkbar: Demnach dürfte es eine einheimische Bevölkerung lange vor der Jungsteinzeit gegeben haben. Rein theoretisch könnten die Funde auch vom frühen Homo sapiens aus Afrika stammen; der hatte sich vor über 100.000 Jahren auch schon auf den Weg nach Norden gemacht. Doch die Schlichtheit der Steinbearbeitung spricht gegen diese Urheberschaft.

Wahrscheinlich stammen die kretischen Faustkeile vom Homo erectus. Der wird wohl nicht von Süden her, von Libyen aus, den langen Seeweg genommen haben. Leichter war eine Art Insel-Hopping von Norden her. Denn der tiefer gelegene Wasserspiegel der Würm-Kaltzeit bot längere Landbrücken und kürzere Seepartien als heute. Doch lebensgefährlich war eine solche Überfahrt allemal.

Das ist das eigentlich Sensationelle an den Fundstücken von Kreta: Die Vorstellung, dass der Heidelberger Urmensch (oder sein europäischer Nachfolger, der Neandertaler) schon fähig und willens war, solch unberechenbare Risiken auf sich zu nehmen. Nicht Halt zu machen vor den Tücken der Winde und der Wellen, beharrlich von Insel zu Insel den Weg ins Ungewisse zu verfolgen: Dieses abenteuerliche Suchen nach Neuland war bisher nur dem modernen Menschen zugeschrieben worden. Der muss – im Rückblick auf seine Evolution – wieder einmal umdenken.

Ekkehard Jürgens

 

Quellen:

Boj/AFP: Kreta – Archäologen entdecken die ältesten Spuren der Seefahrt. In: Spiegel Online, 3.1.2011. (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kreta-archaeologen-entdecken-aelteste-spuren-der-seefahrt-a-737575.html)

Thorwald Ewe: Die ersten Seefahrer. Das Rätsel der drei Inseln. In: bild der wissenschaft, H.6/2011, S.52-59.

Georgios Ferentinos: Waren die Neandertaler die ersten Seefahrer? In: Antike Welt, H.3/2012, S.6.

mbe/dpa: Frühe Seefahrer – Neandertaler sollen auf Kreta gewesen sein. In: Spiegel Online, 16.11.2012.

John Noble Wilford: On Crete, New Evidence of Very Ancient Mariners. In: New York Times, 16.2.2010. (www.nytimes.com/2010/02/16/science/16archeo.html)