Als das Kind im Hochland von Äthiopien vor rund zwei Millionen Jahren starb, hatten sich in seinem Unterkiefer unter den Milchzähnen gerade die bleibenden Zähne gebildet. Deren noch im Knochen steckende Kronen gehören zu einem Frühmenschen Homo erectus, berichtet ein Team um Margherita Mussi von der Universität La Sapienza in Rom in der Zeitschrift Science. Und markiert damit gleich mehrere Meilensteine: Offensichtlich lebten diese Frühmenschen bereits damals in einer Höhe von rund zweitausend Metern über dem Meeresspiegel und nutzten dort Oldowan-Werkzeuge aus Stein. Das wiederum ist die älteste Technik zur Herstellung von Schabern, Klingen und anderen Gebrauchsgegenständen, die in Afrika bisher nie zusammen mit Homo erectus-Fossilien gefunden wurde.
Noch dazu hatten diese Frühmenschen bald darauf anscheinend eine neue Technik verwendet, um größere Klingen und echte Handäxte zu fertigen. Diese lagen in einer Schicht direkt über dem Unterkiefer des Kindes, die mit rund 1,95 Millionen Jahren nur 50000 Jahre jünger ist. Auch das ist eine große Überraschung, weil diese Werkzeuge eindeutig zur Acheuléen-Kultur gehören, deren bislang ältesten Funde etwa 200.000 Jahre jünger waren.
Viele dieser Funde waren in Melka Kunture rund 50 Kilometer südlich der heutigen Hauptstadt Äthiopiens Addis Abeba bereits seit 1971 ausgegraben worden, auch der Unterkiefer des Kindes
wurde dort schon 1981 entdeckt. Die Gruppe um Margherita Mussi aber nutzte jetzt die Ablagerungen aus Vulkanausbrüchen und die in diesen Gesteinen festgehaltenen Änderungen des Erdmagnetfeldes, um das Alter dieser Schichten mit den aus dem vulkanischen Obsidian-Gestein hergestellten Werkzeugen viel genauer und eben auch viel älter als bisher zu bestimmen.
Mit der hochenergetischen Synchrotron-Strahlung aus Teilchen-Beschleunigern durchleuchtete die Gruppe das Unterkiefer-Fossil des Kindes und konnte so die Struktur der Kronen der noch nicht durchgebrochenen Zähne bestimmen. „Die Interpretation, das Kind sei ein Homo erectus-Frühmensch gewesen, scheint mir stichhaltig zu sein“, erklärt Ottmar Kullmer. Der Leiter der Abteilung Paläoanthropologie des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums in Frankfurt am Main untersucht selbst die Zähne von Vor-, Ur-, Früh- und Jetzt-Menschen, war an der Science-Studie aber nicht beteiligt.
Der Fundort in einer Höhe von gut 2000 Metern über dem Meeresspiegel überrascht den Senckenberg-Forscher kaum: „Die Frühmenschen sind vermutlich einfach aus den tiefer liegenden Regionen an den Flüssen stromaufwärts gewandert“, überlegt Ottmar Kullmer. Dort unten liegen nämlich praktisch alle bekannten Fundstätten der Vormenschen wie Australopithecus und der daraus sich entwickelnden Urmenschen an Flussläufen mit Galeriewäldern am Ufer, die in eine offene Savannenlandschaft mit einzelnen Baumgruppen übergingen. Im Hochland von Äthiopien fanden die wandernden Homo erectus-Frühmenschen nach den Analysen der Gruppe um Margherita Mussi dann die immergrünen Bergwälder Afrikas, die von offenen Graslandschaften unterbrochen waren.
Dort oben liegen die Temperaturen niedriger, tagsüber ist es daher oft angenehmer als im heißeren Tiefland, nachts kann es allerdings empfindlich kühl werden. Gleichzeitig regnet es dort mehr. Dort wuchsen daher andere Pflanzen als in den tiefer liegenden Gebieten, auch die Tierwelt mit Flusspferden, Antilopen, Kuhantilopen, sowie Zebras unterscheidet sich vom Flachland. „Die Frühmenschen fanden also andere Ressourcen, an die sie sich offensichtlich anpassen konnten“, erklärt der Senckenberg-Forscher.
„Besonders interessant ist natürlich der Homo erectus-Unterkiefer, der unmittelbar neben den Oldowan-Steinwerkzeugen gefunden wurde“, sagt Ottmar Kullmer. Diese Technik findet sich auch noch in der 50.000 Jahre jüngeren Fundschicht, in der ein kleiner Teil der Werkzeuge aber bereits zur Acheuléen-Kultur gehört: Dabei wurden auf beiden Seiten eines geeigneten Steins große Splitter abgeschlagen, die man zum Beispiel als Schaber nutzen konnte. Aus dem Stein selbst entstand so ein Faustkeil – und damit das Standard-Werkzeug der Acheuléen-Kultur schlechthin. „Neben dieser Neuerung aber nutzten die Frühmenschen auch die althergebrachten Oldowan-Gerätschaften weiter“, erklärt des Senckenberg-Forscher weiter. Ähnlich wie die Menschen im 21. Jahrhundert neben Computern, Smartphone und anderen HighTec-Geräten noch immer sehr häufig das vor 5000 oder 6000 Jahren erfundene Rad verwenden, behielten also auch die Homo erectus-Frühmenschen ihre altbewährten Techniken neben neuen Errungenschaften bei.
Als diese Frühmenschen-Art dann die Wanderlust packte, erreichte sie schließlich Europa. Zu ihren späten Nachkommen gehört auch die Steinheimer Urmenschen-Frau, die
wahrscheinlich noch viel geschickter Werkzeuge für ihren Steinzeit-Haushalt herstellte.
Quellen:
Diskussionen mit Prof. Dr. Ottmar Kullmer, dem Leiter der Abteilung Paläoanthropologie des Senckenberg Forschungsinstituts und Naturmuseums in Frankfurt am Main
Margherita Mussi et al.: Early Homo erectus lived at high altitudes and produced both Oldowan and Acheulean tools in Science, Band 382, Seite 713 (www.science.org/doi/10.1126/science.add9115)