Steinalte Zimmerer

Bereits vor 476.000 Jahren wurde in Afrika mit Holz gebaut

Von Roland Knauer

eingestellt 24.11.2025

Bei Grabungen in Afrika taucht diese fast eine halbe Million Jahre alte Konstruktion aus Holz auf Foto: Professor Larry Barham, University of Liverpool
Bei Grabungen in Afrika taucht diese fast eine halbe Million Jahre alte Konstruktion aus Holz auf Foto: Professor Larry Barham, University of Liverpool

Menschen nutzten Holz seit jeher, um damit Blockhütten zu bauen oder um Alltagsgegenstände wie Kisten oder auch Kochlöffel zu fertigen. Allerdings zersetzt sich solches organische Material normalerweise relativ rasch, und von den hölzernen Gerätschaften längst vergangener Zeiten überdauert fast nichts den Zahn der Zeit. Es sei denn, das Holz lag seit seiner Bearbeitung immer in einer extrem trockenen Umgebung oder war dauernd von Wasser bedeckt, in dem der Sauerstoff zum Zersetzen fehlte. Genau das ist mit einer einfachen Holzkonstruktion passiert, die vor rund 476.000 Jahren am Ufer des Kalambo-Flusses im äußersten Norden des heutigen Sambia am der Grenze zu Tansania errichtet wurde, schreibt in der Fachzeitschrift Nature ein Team um Larry Barham von der Universität Liverpool im Norden Englands.

Gleich oberhalb des 235 Meter in die Tiefe stürzenden Kalambo-Wasserfalls waren dort bereits zwischen 1953 und 1963 Hölzer aufgetaucht, deren Form und Größe an Gerätschaften von Steinzeitmenschen erinnerten. Hinweise auf eine Bearbeitung mit Stein-Werkzeugen aber waren wohl vom Wasser des nahen Flusses längst abgeschabt worden, vermutet Annemieke Milks von der Universität im englischen Reading ebenfalls in Nature. Die Steinzeit-Archäologin gilt als Spezialistin für Holzfunde und hat unter anderem die zehn ganz und teilweise erhaltenen, rund 300.000 Jahre alten Speere unter die Lupe genommen, die in den 1990er Jahren in der Nähe des niedersächsischen Städtchens Schöningen gleich an der Grenze nach Sachsen-Anhalt in einem 2016 aufgelassenen Braunkohle-Tagebau entdeckt worden waren.

Als die Forscherin diese in der Form verblüffend den modernen Wettkampf-Speeren ähnelnden Waffen nachbauen ließ, konnten gut trainierte Speerwerfer des 21. Jahrhunderts zeigen, dass die über 20 Meter geworfenen Geschosse ein Pferd durchaus tödlich verletzen können. Offensichtlich waren die Frühmenschen, die damals in der norddeutschen Tiefebene lebten, bereits hervorragende Handwerker, die solche Waffen aus Holz perfekt herstellen konnten. „Nur gibt es bisher sehr wenige Funde von hölzernen Gegenständen aus dieser Zeit“, erklärt Jordi Serangeli von der Universität Tübingen, der wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabungen in Schöningen ist, an der Studie von Larry Barham und seinem Team aber nicht beteiligt war. „Daher ist jede weitere Entdeckung eine Sensation“, freut sich Jordi Serangeli für seine Kollegen.

Das britische Forschungsteam hatte 2019 am Kalambo-Fluss in Sambia eine Reihe weiterer Holzfunde gemacht, von denen einer durchaus als Beleg für frühe Zimmerer gelten darf. Zeigt er doch einen 141 Zentimeter langen und gut 25 Zentimeter dicken Holzstamm, der auf der Unterseite tief eingekerbt und so gut mit einem noch größeren Stamm verbunden ist, der in einem Winkel von 75 Grad darunter liegt. „Zum Glück haben Barham und sein Team schon während der Ausgrabungen qualitativ hochwertige Bilder von diesen Hölzern gemacht“, schreibt Annemieke Milks. Diese vom britischen Forschungsteam ausgewerteten Aufnahmen zeigen eindeutige Spuren von einer Bearbeitung mit Feuersteinen, die nach der Bergung rasch verwischt wurden und heute daher nur noch undeutlich zu sehen sind.

Die Aufnahmen zeigen klar, dass der obere Stamm so eingekerbt wurde, dass er genau auf den unteren passte. Es ist daher kaum vorstellbar, dass Frühmenschen diese beiden Hölzer unabhängig voneinander bearbeitet haben – und die Strömung sie später an einer zufällig genau passenden Stelle ineinander verkeilte. Vielmehr verstanden die Frühmenschen bereits vor rund 450.000 bis 500.000 Jahren ihr Handwerk gut. Dieses Alter hatte nämlich eine „Thermolumineszenzdatierung“ genannte Methode ergeben, bei der ermittelt wurde, wann die Sandkörner, die unmittelbar am Holz hafteten, das letzte Tagesslicht gesehen hatten und somit der Strahlung aus dem Weltraum ausgesetzt waren.

„Weniger als das Alter überrascht mich die Konstruktion selbst“, staunt Jordi Serangeli. Waren die in Schöningen gefundenen Speere meist rund vier Zentimeter dick, hatten die Stämme oberhalb der Kalambo-Falls eine ganz andere Dimension. Vielleicht handelt es sich um die Überreste eines Steges oder einer Plattform oder vielleicht der Unterkonstruktion einer Behausung, die im oft überschwemmten Uferbereich sehr nützlich waren, überlegen Larry Barham und sein Team.

Solche dauerhaften Konstruktionen aber passen kaum zum Bild von Frühmenschen, die laufend unterwegs waren, um Essbares zu sammeln oder zu jagen. Sinnvoll sind solche Bauwerke nur, wenn man sie regelmäßig nutzt. Waren die Frühmenschen am Kalambo-Fluss vielleicht sogar ein wenig sesshaft? „Weshalb eigentlich nicht“, überlegt Jordi Serangeli. Schließlich bot die Gegend durchaus Möglichkeiten, dort längere Zeit zu leben. An den Ufern des Flusses gab es Wälder und auch offene, zum Teil sumpfige Gebiete, in denen reichlich Essbares zur Verfügung stand. Dort gab es natürlich auch Holz, aus dem man nicht nur solche Konstruktionen zimmern, sondern auch Grabstöcke herstellen konnte, mit denen sich nahrhafte Knollen aus dem Boden buddeln ließen. Genau solche Werkzeuge aus Holz wurden dann auch in einer anderen Schicht am Kalambo-Fluss gefunden, die etwa 324.000 bis 390.000 Jahren alt ist. Und das schließt den Kreis zu den Funden in Schöningen, wo neben den Speeren auch weitere Gerätschaften entdeckt wurden. Nur tauchten die mitteleuropäischen Funde an den Ufern eines längst verschwundenen Sees auf, während der Fluss neben den Ausgrabungen oberhalb der Kalambo-Wasserfälle noch heute munter fließt. Diese Vorliebe für eine Nähe zum Wasser haben die modernen Menschen ja heute noch. Und vermutlich wurde auch die Steinheimer Urmenschen-Frau von Bächen und Seen wie magisch angezogen, weil sie dort relativ leicht Essbares fand. Nur von ihren Werkzeugen aus Holz oder vielleicht sogar von ihrem Holzhaus hat der Zahn der Zeit nichts übrig gelassen. Zumindest nichts, was bis heute wieder aufgetaucht wäre.

Quellen:

Diskussionen mit Dr. Jordi Serangeli von der Universität Tübingen.

  1. Barham, G. A. T. Duller, I. Candy, C. Scott, C. R. Cartwright, J. R. Peterson, C. Kabukcu, M. S. Chapot, F. Melia, V. Rots, N. George, N. Taipale, P. Gethin & P. Nkombwe: Evidence for the earliest structural use of wood at least 476,000 years ago. Erschienen in Nature, Band 622, Seite 107 bis 111. https://doi.org/10.1038/s41586-023-06557-9

und

Annemieke Milks: Hominins built with wood 476,000 years ago. Erschienen in Nature, Band 622, Seite 34 bis 36. https://doi.org/10.1038/d41586-023-02858-1

Bei Grabungen in Afrika taucht diese fast eine halbe Million Jahre alte Konstruktion aus Holz auf Foto: Professor Larry Barham, University of Liverpool
Bei Grabungen in Afrika taucht diese fast eine halbe Million Jahre alte Konstruktion aus Holz auf Foto: Professor Larry Barham, University of Liverpool
Oberhalb des Kalambo-Wasserfalls in Sambia wurden Teile einer Holzkonstruktion ausgegraben, die beinahe eine halbe Million Jahre alt ist Foto: Professor Geoff Duller, Aberystwyth University
Oberhalb des Kalambo-Wasserfalls in Sambia wurden Teile einer Holzkonstruktion ausgegraben, die beinahe eine halbe Million Jahre alt ist Foto: Professor Geoff Duller, Aberystwyth University
Warum sollten Frühmenschen wie die Steinheimer Urmenschenfrau nicht längere Zeit an einer Stelle gelebt haben, überlegt Jordi Serangeli von der Universität Tübingen Foto: Roland Knauer
Warum sollten Frühmenschen wie die Steinheimer Urmenschenfrau nicht längere Zeit an einer Stelle gelebt haben, überlegt Jordi Serangeli von der Universität Tübingen Foto: Roland Knauer

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