Volle „Halle“ und faszinierende Einblicke in die älteste Geschichte Baden-Württembergs
Am 6. November 2025 erlebten rund 65 Besucherinnen und Besucher im Urmensch-Museum Steinheim einen besonderen Abend. Dr. Yvonne Tafelmaier, Expertin für Prähistorische Archäologie aus Tübingen, war zu Gast – und das gewissermaßen als Heimspiel, denn unter den Gästen befanden sich auch Verwandte der Referentin aus Kleinbottwar. Erstmals wurde im Museum mit einem neuen Bildschirm, einem Touchscreen, projeziert, der die faszinierende Reise durch die Urgeschichte in Text und Bild anschaulich unterstützte.
Die frühe Geschichte des Menschen ist komplex – sowohl seine Stammesgeschichte als auch die Geschichte deren Erforschung. Dr. Tafelmaier zeigte eindrucksvoll, dass frühere Menschenformen zwar zuerst in Europa und Asien gefunden wurden, spätere Entdeckungen aber ergaben, dass die Menschheit ihren Ursprung in Afrika hat.
Von Afrika nach Europa – eine lange Reise
Vor etwa 1,8 Millionen Jahren haben Menschen erstmals außerhalb Afrikas gelebt, wie Funde aus Georgien belegen. Etwa 800.000 Jahre jüngere Funde kennt man aus Spanien. Erst später wurde Mitteleuropa „besiedelt“. Bedeutend sind die beiden international bekannten Urmenschenfunde von Mauer bei Heidelberg (etwa 600.000 Jahre alt) und von Steinheim an der Murr (etwa 320.000 Jahre alt). Beim kommerziellen Abbau von Sand und Kies wurden in Steinheim weitere spektakuläre Funde zu Tage gefördert, die im Naturkundemuseum in Stuttgart sowie im Urmensch-Museum zu sehen sind. Fritz Berckhemer benannte den 1933 gefundenen Schädel „Homo steinheimensis“. Während früher von Gewalteinwirkung ausgegangen wurde, deuten neuere Untersuchungen auf Schäden beim Flusstransport und die Einlagerung im Kies hin.
Stuttgarter Travertin – Schatzkammer der Urgeschichte
Das Travertin-Gestein, ein Rohstoff, den verschiedenen Firmen in Stuttgart über Jahrzehnte abgebaut haben, wurde im Eiszeitalter abgelagert. Die archäologischen Funde aus den Steinbrüchen in Bad Cannstatt und Münster – darunter viele Steinwerkzeuge und Tierknochen – wurden in den 1980er und frühen 1990er Jahren unter Leitung des Landesamts für Denkmalpflege ausgegraben.
Die Vorgänger von Dr. Tafelmaier haben über diese Funde zwar einige Schriften publiziert, diese fanden in der internationalen Fachwelt aber nur wenig Beachtung. Das soll sich nun ändern. Im Rahmen eines DFG-Projekts werden die von den Urmenschen hinterlassenen Artefakte sowie Tierknochen und -zähne mit modernen Methoden neu untersucht. Die große Fülle an Steinwerkzeugen ist in Deutschland nahezu einzigartig. Die Forschungsfragen lauten: Was haben die Urmenschen an diesen Fundstellen gemacht? Welche Tiere haben sie gejagt und verwertet? Wofür wurden die Werkzeuge genutzt?
Süddeutschland als Forschungshotspot
Die Fundsituation im Travertin deutet auf einen längeren Aufenthalt hin. Die Sedimente begünstigten den Erhalt der Fundstücke. Das Alter der Fundstellen wird auf etwa 320.000-340.000 Jahre geschätzt – noch ist die Datierung nicht endgültig abgeschlossen. Der süddeutsche Raum bietet mit seinen Fundstellen hervorragende Grundlagen, die frühe Besiedlung des westlichen Europas besser zu erforschen. In Zusammenarbeit mit dem Naturkundemuseum in Stuttgart und Instituten in Tübingen erwartet Frau Dr. Tafelmaier in Zukunft weitere Erkenntnisse – vielleicht sogar eine Verbindung zu den Steinheimer Funden!
Kurzweilig und informativ
Nach dem Vortrag dankte Thomas Rathgeber im Namen des Fördervereins Urmensch-Museum Steinheim und überreichte der Referentin ein kleines Geschenk. In einer kurzen Fragerunde gab Dr. Tafelmaier noch weitere Einblicke, ehe der Abend bei Gebäck und Getränk ausklingen konnte. Es war eine rundum gelungene Veranstaltung, die die älteste Geschichte unserer Region lebendig werden ließ!
Tipp: Funde aus den Stuttgarter Travertin-Fundstellen können im Naturkundemuseum (Museum am Löwentor), im Landesmuseum Württemberg (Altes Schloss) und im Stadtmuseum Bad Cannstatt (Klösterle-Scheuer) besichtigt werden.
Info: Dr. Yvonne Tafelmaier ist die für die Altsteinzeit zuständige Fachreferentin beim Landesamt für Denkmalpflege und forscht am Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie, Abteilung Ältere Urgeschichte & Quartärökologie der Universität Tübingen.