Spontis der Steinzeit

Einfache Steinwerkzeuge könnten vor Millionen Jahren immer wieder neu erfunden worden sein

Von Roland Knauer
eingestellt 04.04.2026
Im 21. Jahrhundert stellen Versuchspersonen ohne Vorkenntnisse und Anleitung spontan Steinwerkzeuge her, die denen ähneln, die bereits vor Jahrmillionen von Urmenschen genutzt wurden Foto: William D. Snyder
Im 21. Jahrhundert stellen Versuchspersonen ohne Vorkenntnisse und Anleitung spontan Steinwerkzeuge her, die denen ähneln, die bereits vor Jahrmillionen von Urmenschen genutzt wurden Foto: William D. Snyder

Als Urmenschen vor Jahrmillionen in Afrika die ersten einfachen Werkzeuge aus Stein herstellten, könnten sie gleichzeitig den Grundstein für die menschliche Kultur gelegt haben. Zumindest war das in der Archäologie bisher eine gängige Annahme. Claudio Tennie, William Snyder und Jonathan Reeves aber zeigen in der Zeitschrift Science Advances mit den Methoden der experimentellen Archäologie, dass es auch ganz anders gewesen sein könnte: Spontan könnten die Menschen der Steinzeit diese Technik immer wieder neu erfunden haben, erklären die Forscher von der Universität Tübingen.

Diese Spontis der Alt-Steinzeit passen daher nicht so recht zu einer klassischen Theorie, nach der selbst das einfache Schlagen einer scharfen Stein-Kante, mit der man ein totes Tier aufbrechen und zerlegen kann, recht kompliziert ist. Sobald ein Mensch in der Steinzeit mit welchen Geistesblitzen auch immer diese Technik entdeckt hatte, haben andere in seinem Clan und später vielleicht auch andere Gruppen diese Vorgehensweise beobachtet und schließlich nachgemacht. So entstand eine in der Archäologie „Kultur“ genannte Tradition, mit der man solche scharfkantigen Steinwerkzeuge produziert.

Die ältesten so hergestellten Steinwerkzeuge sind 2,6 Millionen Jahre alt. Weil sie in der Olduvai-Schlucht im Norden des heutigen Staates Tansania entdeckt wurden, spricht man von einer „Oldowan-Kultur“. „Zur Herstellung solcher Werkzeuge schlägt man zum Beispiel zwei Kieselsteine so gegeneinander, dass von einem ein kleines Stück absplittert und eine relativ scharfe Kante hinterlässt“, erklärt der Archäologe und Spezialist für die Herstellung von Feuerstein-Werkzeugen Alexander Binsteiner, der an der Tübinger Studie nicht beteiligt war. An der nicht bearbeiteten runden oder ovalen Seite konnten solche Kieselsteine gut in die Hand genommen werden, um mit der scharfen Kante Fleischstücke abzuhacken oder einen Schenkelknochen zu spalten, um so an das nahrhafte Knochenmark zu kommen. Nach dem englischen Wort für „hacken“ werden solche Steinwerkzeuge daher „Chopper“ genannt.

Mit einer guten Anleitung sollte das Herstellen solcher Chopper zwar durchaus möglich sein. Das Neuerfinden einer solchen Technik zum Abschlagen von Steinsplittern aber könnte eine ganz andere Sache zu sein. Ob diese herkömmliche Annahme richtig ist, haben Claudio Tennie und seine Kollegen jetzt mit einem Experiment untersucht: Jeweils 14 erwachsene Frauen und Männer sollten auf sich alleine gestellt die mit einem Seil verschlossene Tür einer Kiste öffnen. Zwar wusste jede Person, dass in der Kiste ein Gutschein im Wert von zehn Euro lag, an den man nur kommen konnte, wenn man das Seil durchtrennte. Nur gab es keinerlei Hinweise, wie man das mit Hilfe einer Halbkugel aus bemaltem Glas, eines mittelgroßen Kieselsteins aus einem Fluss in der Nähe und einem ebenfalls im Versuchsraum liegenden Granitblock schaffen könnte.

Die meisten Frauen und Männer versuchten zunächst, das Seil ohne Schneide-Werkzeug zu öffnen, indem sie zum Beispiel mit dem Kieselstein auf das Seil schlugen. Oder sie versuchten, die Fasern mit den Fingern aufzudrehen. Blieb das erfolglos, versuchten sie meist rasch, aus den bereitgestellten Dingen eine primitive Klinge zu basteln. So schlugen sie die Glashalbkugel solange gegen den Granitblock oder den Kieselstein, bis ein Splitter absprang und eine scharfe Kante entstand, mit der sie anschließend das Seil durchtrennten. Nach einem erfolgreichen Versuch wurde die Apparatur wieder mit einem Gutschein versehen und mit einem Seil verschlossen, um weitere Versuche zu ermöglichen.

In der Steinzeit-Forschung sind vier unterschiedliche Schlag-Techniken bekannt, mit denen Oldowan-Werkzeuge in der frühen Steinzeit hergestellt wurden. Obwohl 25 der Versuchspersonen vorher noch nie solche Steinwerkzeuge in der Hand gehalten hatten, erfanden die meisten von ihnen zumindest eine dieser Techniken in den Versuchsräumen der Tübinger Universität neu. Und am Ende der Experimente hatten die Forscher sogar alle vier bekannten Altsteinzeit-Techniken der Oldowan-Kultur beobachtet. „Offensichtlich klappt das Herstellen von diesen einfachen Steinwerkzeugen auch ohne Vorbilder“, fasst Claudio Tennie dieses Ergebnis der experimentellen Archäologie zusammen.

„Ich fand es schon immer ein wenig übertrieben, in diesem frühen Stadium der menschlichen Entwicklung bei den Oldowan-Steinwerkzeugen von Kulturen zu sprechen“, erklärt Alexander Binsteiner. „Anscheinend hatte die Gattung Homo schon früh das Bedürfnis und die Fähigkeit Geräte herzustellen, die den Alltag erleichtern“, überlegt der Feuerstein-Spezialist. Und weiter: „Daher sind solche Experimente, auch wenn sie wohl einige Kritik hervorrufen werden, ein wichtiger Mosaikstein beim Erforschen der menschlichen Natur“.

Aber auch wenn ganz normale heutige Menschen, die in einer von sehr viel Technik geprägten Welt leben, zwar nicht das Rad, aber immerhin einfache Steinwerkzeuge neu erfinden, drängt sich die Frage auf, ob auch die in der Natur lebenden Urmenschen diese Eigenschaft hatten? Claudio Tennie glaubt das durchaus und untermauert seine Überlegung mit einem eindeutigen Hinweis: „Die Oldowan-Technik gibt es bereits seit 2,6 Millionen Jahren, ohne dass wesentliche Änderungen auftraten“, erklärt der Forscher. „Man kann sich kaum vorstellen, dass ein solches Wissen um die Herstellung dieser Werkzeuge von Generation zu Generation weiter gegeben wurde, ohne dass es dadurch zu einer Akkumulation von Wissen gekommen ist.“ Viel einfacher ist jedenfalls die Erklärung, die einfachen Steinwerkzeuge wurden immer wieder neu erfunden. Gut möglich, dass auch die Steinheimer Ur-Menschen-Frau ihre Stein-Utensilien mit neuem Kniff verbessert und manche Sachen auch neu erfunden hat. Genau wie es Menschen schon Jahrmillionen früher und Hunderttausende von Jahren später taten.

 

 

Quellen:

Diskussionen mit dem Feuerstein-Spezialisten Dr. Alexander Binsteiner.

William D. Snyder, Jonathan S. Reeves und Claudio Tennie: Early knapping techniques do not necessitate cultural transmission. Erschienen in Science Advances, https://doi.org/10.1126/sciadv.abo2894

Die 2,6 Millionen Jahre alten (links oben) und die 1,7 Millionen-Jahre alten (rechts oben) Steinwerkzeuge der Oldowan-Zeit ähneln durchaus den im 21. Jahrhundert ohne Vorkenntnisse und Anleitung spontan hergestellten Gerätschaften (unten) Foto: William D. Snyder
Die 2,6 Millionen Jahre alten (links oben) und die 1,7 Millionen-Jahre alten (rechts oben) Steinwerkzeuge der Oldowan-Zeit ähneln durchaus den im 21. Jahrhundert ohne Vorkenntnisse und Anleitung spontan hergestellten Gerätschaften (unten) Foto: William D. Snyder

Förderverein Urmensch-Museum Steinheim e.V.

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