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Auf der Suche nach Steinzeitsiedlungen in der Nefud-Wüste auf der Arabischen Halbinsel Foto: Eleanor Scerri

Treffpunkt in der Wüste

In Inneren der Arabischen Halbinsel lebten in den vergangenen 400.000 Jahren in feuchteren Perioden immer wieder Menschen

 

Von Roland Knauer

Nicht viel mehr als zwei Augen, zwei Ohren und zwei von einigen Haaren umwachsene Nasenlöcher ragen aus dem Wasser des Sees. Ein massiges Flusspferd ruht sich dort von seiner anstrengenden Futtersuche in der vergangenen Nacht aus. Eine kleine Elefantenherde samt Nachwuchs, Pferde und Antilopen stillen an diesem Gewässer ihren Durst oder nehmen sogar ein Bad. Und auch eine Gruppe Menschen taucht am Ufer auf. Ähnliche Szenen können Safari-Touristen noch heute in einigen Reservaten Afrikas beobachten, im Inneren der Arabischen Wüste jedoch erwartet im 21. Jahrhundert niemand solche Begegnungen. In der Steinzeit aber gab es in den vergangenen 400.000 Jahren immer wieder Epochen, in denen Niederschläge häufiger fielen, die Wüste ergrünte und sich in eine ähnliche Savanne wie die heutige Serengeti im Norden Tansanias verwandelte. Und mit der Vegetation kamen bald auch Elefanten, Antilopen, Pferde und sogar Hippos in die Nefud-Wüste, denen prompt auch die Jäger und Sammler der Steinzeit folgten, berichten Mike Petraglia von der Griffith University im australischen Brisbane und vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, Huw Groucutt vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena und ihr Team in der Zeitschrift Nature.

 

Savanne statt Sanddünen

 

„Eine so lange Abfolge von Belegen für eine steinzeitliche Besiedlung in der heutigen Wüste, die sich damals in eine Savannen-Landschaft verwandelte, das ist wirklich ein toller Fund“, freut sich Knut Bretzke von der Universität in Jena. Der Archäologe sucht im Südosten der Arabischen Halbinsel im Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten ebenfalls nach Spuren menschlicher Aktivitäten in den letzten Jahrhunderttausenden, war jedoch an der Forschung in der Nefud-Wüste Saudi-Arabiens nicht beteiligt. Allzu überrascht vom Fund seiner Kollegen war Knut Bretzke allerdings nicht: „Wir wissen ja, dass die Arabische Halbinsel heute zwar knochentrocken ist, aber früher immer wieder Perioden mit mehr Regen auftraten, in denen die Wüste einem üppigen Grasland wich.“

Diesen Wechsel zwischen extremer Trockenheit und feuchteren Perioden voller Leben gab es nicht nur in der Arabischen Wüste, sondern auch auf der Halbinsel Sinai und in der Sahara. Diese Unterschiede hängen nach Analysen von Martin Claußen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und seinem Team mit einem leichten Taumeln der Erdachse zusammen. Dadurch erreichte die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne vor rund zehntausend Jahren im Juli den Punkt mit der geringsten Entfernung zum Zentralgestirn. Heute ist der Planet dagegen im Januar an dieser Stelle und in weiteren zehntausend Jahren wird die Bahn der Erde wieder im Juli dieses Perihel erreichen. Auf der Nordhalbkugel wurde es daher in den Sommern vor zehntausend Jahren ein wenig wärmer, während die Winter ein wenig kälter wurden. Diese stärkeren Temperatur-Unterschiede wiederum ließen den Sommermonsun stärker werden, der so mehr Feuchtigkeit in die Wüsten im Norden Afrikas und auf der Arabischen Halbinsel tragen konnte. Das dort sprießende Grün verdunstete mehr Wasser und verstärkte die Monsunregen weiter, die so noch tiefer in die Wüsten vordringen konnten. War das Perihel weiter gewandert, verringerten sich die Temperaturgegensätze und damit auch der Einfluss des Monsuns auf die Arabische Halbinsel und die Sahara wieder, die Savanne verwandelte sich wieder in eine Wüste.

 

Serengeti der Steinzeit

 

Dieser Wechsel hängt noch von einer ganzen Reihe weiterer Faktoren ab. So verdunstet in Kaltzeiten, in denen mächtige Eiskappen wie heute in der Antarktis auch weite Teile Nordamerikas und Nordeuropas unter sich begruben, erheblich weniger Wasser aus den Meeren. Dadurch fallen weniger Niederschläge, auch die Monsunregenfälle werden schwächer und können viel schlechter Richtung Sahara und Arabische Halbinsel vordringen. In den wärmeren Epochen aber gab es immer wieder Zeiten, in denen nicht nur auf der Arabischen Halbinsel, sondern auch in weiten Teilen der Sahara und auf der Halbinsel Sinai saftige Grasflächen wogten, auf denen einzelne Baumgruppen standen.

Kaum waren diese Parklandschaften entstanden, weideten dort auch Elefanten und Antilopen, die vorher weiter im Süden zuhause waren und die noch heute über die Savannen im Osten Afrikas ziehen. In den heutigen Wüsten gab es damals auch Flüsse und Seen, in denen die Tiere vor allem in den trockenen Jahreszeiten Wasser fanden, in denen die Elefanten auch einmal ein Bad nahmen und in denen sich auch die Flusspferde wohlfühlten. „Das war natürlich auch für die Menschen interessant“, erklärt Mike Petraglia. „Ohnehin waren die Jäger und Sammler der Steinzeit viel mobiler als viele Menschen heutzutage und konnten solche neuen Lebensräume rasch nutzen.“ Dort konnten geschickte Jäger gut Beute machen oder auch ein aus anderen Gründen ums Leben gekommenes Tier verwerten.

Und natürlich wanderten die Tierherden gefolgt von den Jägern und Sammlern in dieser grün gewordenen Sahara weit umher. Bald erreichten sie dann auch die Sinai-Halbinsel, die damals ebenfalls eine Savannenlandschaft war. Von dort zogen sie weiter auf die Arabische Halbinsel, die mit ihren Grasländern und Galeriewäldern an den Ufern der Gewässer den Jägern und Sammlern auf insgesamt 2,73 Millionen Quadratkilometern und damit fast zwei Dritteln der Fläche der Europäischen Union gute Jagdgründe bot. „Aus Afrika kamen die Jäger der Steinzeit daher auf dem Landweg auf die Arabische Halbinsel, das Rote Meer mussten sie also nicht überqueren“, erklärt Mike Petraglia. Wie gut dieser Landweg genutzt wurde, zeigt auch ein Blick auf die heute auf der Arabischen Halbinsel lebenden Pflanzen und Tiere, die oft auch in der Sahara vorkommen. „Aus der Sicht eines Biogeographen ähneln sich die Arabische Halbinsel und die Sahara sehr“, sagt Mike Petraglia.

 

Verschwundenen Seen auf der Spur

 

Soweit die Theorie. Aber waren die Menschen damals wirklich auf der Arabischen Halbinsel gewesen? Eine Antwort auf diese Frage fiel schwer. Denn lange Zeit hatten viele Archäologen die heutigen Wüsten bei ihrer Forschung links liegen gelassen, weil sie dort einfach keine Funde vermutet hatten. „Die Ausgrabungen konzentrierten sich daher auf die heute fruchtbaren Gebiete in der Levante in Israel und dem Libanon“, meint Mike Petraglia. Das änderte sich, als Hans-Peter Uerpmann von der Universität Tübingen und Knut Bretzke im Südosten der Arabischen Halbinsel am Berg Jebel Faya in den Vereinigten Arabischen Emiraten seit 2006 etliche Steinwerkzeuge fanden, die seit 125.000 Jahre dort gelegen hatten und heute zeigen, dass Menschen bereits in der Steinzeit dort lebten.

Seit 2010 durchforsteten dann auch Mike Petraglia und sein Team Satellitenbilder, auf denen sie mit großem Erfolg die Spuren längst verschwundener Gewässer suchten. „Rund zehntausend solcher Paläo-Seen haben wir inzwischen identifiziert“, berichtet Mike Petraglia. Einige hundert von den etwa 1500 einstigen Seen in der Nefud-Wüste im Nordwesten der Arabischen Halbinsel hat das Team um den Archäologen in den letzten Jahren am Boden untersucht – und wurde bei rund 70 Prozent dieser Gewässer fündig: Die Wissenschaftler entdeckten dort nicht nur die Überreste von Tieren, sondern manchmal auch die einfachen, aber wirkungsvollen Werkzeuge der Menschen, die in der Steinzeit dort lebten.

 

Glücksfall KAM 4

 

In den allermeisten Fällen aber handelte es sich um einzelne Schichten mit Steinwerkzeugen, aus denen die Forscher zwar auf die Anwesenheit von Menschen zu einer bestimmten Zeit schließen können, aber wenig über die Geschichte erfahren.  Ganz anders ist die Situation dagegen am längst verschwunden See Khall Amayshan 4, für den die Forscher die Abkürzung „KAM 4“ verwenden. „Dort haben wir in verschiedenen Schichten sehr viele Steinwerkzeuge gefunden, die zeigen, dass sich dort in fünf verschiedenen Epochen Seen bildeten, an denen jeweils Menschen lebten“, erklärt Mike Petraglia. Zum ersten Mal können Forscher auf der Arabischen Halbinsel daher einen Blick in die Geschichte eines Ortes werfen und untersuchen, wie sich die Menschen und ihre Werkzeuge dort im Laufe der Zeit veränderten.

Vor rund 400.000 Jahren war die Wüste dort grün und die Menschen dieser Zeit verwendeten Handäxte, die sie mit einer bestimmten Technik herstellten, die Archäologen als „Acheuléen“ bezeichnen. „Dabei schlägt man von einem Feuerstein solange Splitter ab, bis ein handlicher Faustkeil entsteht“, beschreibt Knut Bretzke die Arbeit dieser Steinzeit-Handwerker. Mit dieser Technik stellten Zweibeiner bereits vor 1,76 Millionen Jahren ihre Handäxte her, der moderne Mensch Home sapiens kommt für diese Kultur also kaum in Frage. Vor 400.000 Jahren könnten also auf der arabischen Halbinsel Vertreter der Menschenlinie Homo erectus diese Faustkeile genutzt haben. Oder vielleicht auch die Vorfahren der Neandertaler und damit Menschen aus der Verwandtschaft der Steinheimer Urmenschen-Frau, die zum Beispiel aus Schwaben über den Balkan und die Levante oder über Osteuropa und den Kaukasus auf die Arabische Halbinsel kommen konnten. „Allerdings ähneln die Handäxte eher den damals in Afrika genutzten Geräten“, lenkt Mike Petraglia den Blick wieder auf den Kontinent südlich der Sahara.

 

Veränderte Kulturen

 

Vor etwa 300.000 Jahren bildeten sich in der Region um KAM 4 wieder Seen und erneut finden Mike Petraglia und seine Kollegen dort Faustkeile, die zur Acheuléen-Kultur gehören, aber mit einer leicht anderen Technik hergestellt wurden. Auch damals könnten also Homo erectus oder sogar die Verwandten der Steinheimer Urmenschen-Frau am See KAM 4 gelebt haben. Und erneut gibt es bei den Werkzeugen größere Ähnlichkeiten mit der in Afrika verwendeten Technik. Vor rund 200.000 Jahren sehen viele Steinwerkzeuge in der nächsten Fundschicht dagegen völlig anders aus, sie wurden eindeutig in Levallois-Technik hergestellt.

„Dabei bearbeiten die Handwerker den Rohstein sehr aufwändig und sorgfältig, bis sie mit einem einzigen gezielten Schlag eine dünne Klinge mit rundherum scharfen Kanten abschlugen“, erklärt Knut Bretzke. Diese Technik ist zwar typisch für die modernen Menschen Homo sapiens. Nur beherrschten auch die zeitweise in der Levante auftauchenden Neandertaler diese Technik genauso. Das ist auch nicht allzu überraschend: „Heute können Experimental-Archäologen solche Techniken durchaus lernen“, berichtet Knut Bretzke. In der Steinzeit aber waren die Handwerker sicherlich viel geschickter und konnten daher wahrscheinlich eine neue Technik von anderen Menschengruppen übernehmen, denen sie begegnet waren. Oder sie brachten sich sogar anhand einer gefundenen Klinge einer ihnen nicht bekannten Technik über das noch heute beliebte „Learning by doing“ selbst bei, wie man diese Methoden am besten anwendet.

 

Die Brücke zwischen Afrika und Eurasien

 

Vor 130.000 bis vor 75.000 Jahren ergrünte die Arabische Halbinsel erneut, wieder entstand bei KAM 4 ein See und erneut finden Mike Petraglia und seine Kollegen Steinwerkzeuge. Diese sind ähnlich wie die vor 200.000 Jahren produzierten Teile eher mit der afrikanischen Levallois-Technik verwandt. Auch als vor 55.000 Jahren wieder ein Grasland die Arabische Halbinsel grün werden ließ und sich der nächste See bildete, finden die Forscher Levallois-Steinwerkzeuge, die erneut mit einer geänderten Technik hergestellt wurden. Diese ähnelt eher den Verfahren, die Neandertaler-Handwerker in Europa nutzten.

Auch an einem anderen, 150 Kilometer weiter östlich liegenden, längst wieder verschwundenen Paläo-See finden Mike Petraglia und sein Team eine ähnliche Geschichte zwischen Wüsten-Bildung ohne und Savannen-Landschaften mit Steinwerkzeugen. Und untermauern damit eine Theorie, in der sie die Arabische Halbinsel als Brücke und Drehscheibe zwischen den in Afrika lebenden Menschen und den Linien wie den Neandertalern sehen, die sich in Europa und Asien etabliert hatten. Beide aber waren Jäger und Sammler, die normalerweise vermutlich dorthin zogen, wo viele Tiere weideten und wo sie gut Beute machen konnten. Einige Clans folgten wohl aus Afrika dem Wild, das in der ergrünenden Sahara neues Weideland entdeckte und später über die Sinai-Halbinsel weiter auf die Arabische Halbinsel zog. Von dort können die Sippen dann weiter über den Kaukasus nach Sibirien im Osten und nach Mittel-Europa im Westen gewandert sein. Das Ganze funktioniert natürlich auch in die umgekehrte Richtung. „Die Arabische Halbinsel könnte also weit mehr als einmal durchaus eine Drehscheibe zwischen Afrika und dem Rest der Welt gewesen sein“, vermutet Michael Petraglia. Und möglicherweise begegneten sich dort immer wieder einmal auch Neandertaler und moderne Menschen. Die Spuren solcher Treffen finden wir noch heute im Erbgut der modernen Menschen: Auch im 21. Jahrhundert gibt es in der DNA von uns Menschen noch sehr wenige Prozent Neandertaler-Anteil. Knut Bretzke und Mike Petraglia haben also triftige Gründe, auf der Arabischen Halbinsel weitere Spuren unserer Vorfahren und möglicher Techtelmechtel mit Neandertalern zu suchen.

 

 

Quellen: Diskussionen mit Prof. Dr. Mike Petraglia von der Griffith University in Brisbane in Australien und mit Dr. Knut Bretzke von der Universität Jena.

 

Huw Groucutt, Tom White, Eleanor Scerri, Eric Andrieux, Richard Clark-Wilson, Paul Breeze, Simon Armitage, Mathew Stewart, Nick Drake, Julien Louys, Gilbert Price, Mathieu Duval, Ash Parton, Ian Candy, Christopher Carleton, Ceri Shipton, Richard Jennings, Muhammad Zahir, James Blinkhorn, Simon Blockley, Abdulaziz Al-Omari, Abdullah Alsharekh, Michael Petraglia: Multiple hominin dispersals into Southwest Asia over the past 400,000 years; Nature, Band 597, Seiten 376 – 380 (https://www.nature.com/articles/s41586-021-03863-y )

 

Martin Claussen, Anne Dallmeyer, Jürgen Bader: Theory and Modeling of the African Humid Period and the Green Sahara: Climate Science: https://doi.org/10.1093/acrefore/9780190228620.013.532

In der Jubbah-Oase auf der Arabischen Halbinsel entdeckten Mike Petraglia und sein Team Spuren von mehreren Besiedlungsphasen
Foto: Ceri Shipton

 

Am längst verschwunden See Khall Amayshan 4 in der Nefud-Wüste auf der Arabischen Halbinsel entdeckten Mike Petraglia und sein Team 400.000 Jahre alte Spuren von Steinzeitmenschen
Foto: Michael Petraglia

 

Auf der Suche nach Steinzeitsiedlungen in der Nefud-Wüste auf der Arabischen Halbinsel zieht ein Sturm auf
Foto: Klint Janulis

 

400.000 Jahre sind diese Faustkeile alt, die an einem längst verschwunden See in der Nefud-Wüste auf der Arabischen Halbinsel gefunden wurden
Foto: Ian Cartwright